Aus: Ausgabe vom 25.10.2018, Seite 6 / Ausland

Der Präsident und der große Raub

Südafrika: Banker und Komplizen bereicherten sich an Anlegern

Von Christian Selz, Kapstadt
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Übte sich in Schweigen: Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa am 9. Oktober in Kapstadt

Bertolt Brechts Frage bleibt relevant: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« – Die Antwort ist für die Anleger der südafrikanischen VBS Mutual Bank inzwischen klar. Knapp zwei Milliarden Rand (120 Millionen Euro) sollen Mitglieder aus der Führungsetage des Instituts sowie politisch gut vernetzte »Partner« in die eigenen Taschen abgezweigt haben. Das geht aus einem von der südafrikanischen Zentralbank in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht hervor, der am 10. Oktober veröffentlicht wurde. Etwa eine der nun geraubten zwei Milliarden Rand kam demnach aus den Kassen ohnehin klammer Gemeinden, der Rest von Kleinanlegern. Inzwischen ist die Bank pleite, ein Verwalter wurde eingesetzt, um die Geschäfte abzuwickeln.

Noch brisanter wurde die Angelegenheit, nachdem die Johannesburger City Press Mitte Oktober unter Berufung auf eine anonyme Quelle aus dem Umfeld eines VBS-Großanlegers berichtete, dass Staatspräsident Cyril Ramaphosa bereits seit Anfang 2017 von dem Skandal wusste. Oppositionsführer Mmusi Maimane von der Democratic Alliance (DA) wollte Ramaphosa dazu bereits am vergangenen Donnerstag bei dessen planmäßiger Fragestunde im Parlament auf den Zahn fühlen. Doch der Staatschef erkrankte plötzlich.

Die Fragestunde wurde nun auf den 6. November verlegt. »Präsident Ramaphosa kann sich nicht länger wegducken und abtauchen«, erklärte Maimane am vergangenen Freitag in einer Stellungnahme. Der Präsident müsse »Süd­afrika eine klare Antwort auf die Frage geben: Wann hat er erstmals von der Verstrickung von Führungspersonal in die Korruption und Plünderung bei VBS erfahren, und was hat er daraufhin unternommen?« so Maimane.

Ramaphosa bestritt am Montag über die Pressestelle des Präsidialamts jegliches vorheriges Wissen von den Vorgängen bei der VBS Mutual Bank, er weise die Vorwürfe »kategorisch zurück«. Dagegen steht die Aussage des City-Press-Informanten, der ihm vertraute Großanleger habe sich mit Ramaphosa getroffen und diesen »über die skandalöse Korruption bei VBS informiert«. Eine andere Quelle sagte der Zeitung, Ramaphosa, damals noch Vizepräsident unter dem im Februar aufgrund schwerer Korruptionsvorwürfe zurückgetretenen Exstaatschef Jacob Zuma, habe damals sogar »versprochen, etwas zu tun«, letztendlich aber doch »nichts gemacht«.

Sollte dies stimmen, stünde die Frage im Raum, warum Ramaphosa so lange tatenlos blieb. Ein Erklärungsansatz könnte in der Rolle bestehen, die ANC-Schwergewichte in Ramaphosas Heimatprovinz Limpopo im VBS-Skandal spielen. Etliche der 53 Empfänger »unbegründeter Zahlungen«, die im Bericht der Zentralbank – übrigens unter dem süffisanten Titel »Der große Bankraub« – an den Pranger gestellt werden, sind in der ländlich geprägten Region im Norden Südafrikas beheimatet. Einer von ihnen ist der regionale ANC-Schatzmeister Danny Msiza, der dem Bericht zufolge Druck auf Kommunen ausgeübt haben soll, damit diese ihr Geld bei VBS anlegten. Ramaphosa selbst soll sich daran nicht bereichert haben – doch er brauchte die Stimmen der Delegierten aus Limpopo, um im Dezember vergangenen Jahres zunächst zum ANC-Präsidenten gewählt zu werden und in der Folge zum Staatschef aufzusteigen.

Etwas eindeutiger liegt die Sache in bezug auf Expräsident Zuma, der selbst zu den Schuldnern der Bank gehört. 2016 erhielt er einen Kredit über 7,8 Millionen Rand (480.000 Euro), nachdem er dazu verurteilt worden war, einen Teil der Kosten für den zunächst aus Steuergeldern bestrittenen Luxusausbau seines Landsitzes zurückzuzahlen. Den Informanten der City Press zufolge fungierte dieser Kredit als politische Absicherung – »wenn Anleger die Probleme bei VBS ansprachen, rannte das Führungspersonal zu Zuma«, erklärte eine Quelle. Ähnlich wurden auch alle anderen Kontrollinstanzen ruhiggestellt; die Vertreter des staatlichen Anlagefonds PIC kassierten ebenso wie der Verantwortliche der externen deutschen Buchprüfungsgesellschaft KPMG etliche Millionen Rand für ihr Schweigen. Ramaphosa allerdings wird bald reden müssen. Am Dienstag jedenfalls war er wieder gesundet und impfte Südafrikas Auslandsbotschaftern bei einem Gipfel in der Hauptstadt Pretoria ein, das Land als lohnendes Investitionsziel zu verkaufen.


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