Aus: Ausgabe vom 25.10.2018, Seite 5 / Inland

Kampf um die Zeit

Mehr Geld bei kürzerer Schicht im Westen der Republik. IG Metall geht erneut Kampf um 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland an

Von Stephan Krull
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Ein nächster Versuch, die 35-Stunden-Woche durchzusetzen? Angesichts der Produktivität würden möglicherweise 20 Stunden Arbeitszeit locker reichen

Fast 30 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD arbeiten die Beschäftigten in den ostdeutschen Bundesländern pro Jahr immer noch rund einen Monat länger als im Westen – trotz gleicher Produktivität. »Drei Stunden wöchentlich: Das sind zweieinhalb Jahre Lebenszeit für Familie, Ehrenamt, Hobbys und Bildung«, wie junge Metallerinnen aus dem BMW-Werk in Leipzig sagen. Mit der Weigerung der Unternehmer, gleiche Arbeit in Ost und West gleich zu bezahlen, werden die Menschen aus dem Land getrieben. Mit dieser schreienden Ungerechtigkeit werden Konkurrenz und Verrohung unter den Menschen angetrieben. Das gesellschaftliche Leben nimmt erheblichen Schaden. Dagegen stemmen sich jetzt die Beschäftigten in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie. Arbeiter und Gewerkschaft erwarten Unterstützung aus der Politik und Solidarität der Gesellschaft, der Kirchen, Vereine und der sozialen Bewegungen!

Die IG Metall führt Gespräche mit der Unternehmerseite und mobilisiert gleichzeitig in den Betrieben: »Wir wollen bis Ende 2018 belastbare Eckpunkte erreichen, auf deren Grundlage Anfang 2019 Tarifverhandlungen aufgenommen werden sollen«, sagte Olivier Höbel, IG Metall Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen. »In den Belegschaften hat in den vergangenen Jahren ein intensiver Diskussionsprozess über gute Arbeit und gutes Leben stattgefunden. Die Angleichung der Arbeitsbedingungen durch eine Arbeitszeitverkürzung im Osten hat dabei eine herausragende Rolle gespielt.« Dieses Projekt steht im Mittelpunkt von vielen betrieblichen Aktionen, die gegenwärtig stattfinden. Thomas Knabel, Chef der IG Metall Zwickau ergänzt: »Unsere Mitglieder in den Betrieben stehen für die anstehenden Aktionen bereit, weil sie zurecht jetzt eine Lösung der Ostangleichung erwarten. Es wurde in den vergangenen Monaten viel geredet, nun müssen sich die Arbeitgeber zu konkreten Lösungen bewegen.«

Bei BMW und Porsche in Leipzig, bei Volkswagen in Chemnitz, bei VW, GKN und Johnson-Control in Zwickau, bei Mahle in Reichenbach, bei Mercedes in Ludwigsfelde und bei Airbus in Potsdam, bei ZF in Brandenburg und bei Otis in Berlin – überall das gleiche Bild: Jetzt ist unsere Zeit, die 35 muss her! Zu diesem Zweck veröffentlichte die IG Metall Kommentare von Kollegen wie Hartmut Schink, Betriebsratsvorsitzender bei Mahle Industry in Heinsdorfergrund: »Die 35-Stunde-Woche ist in erster Linie eine Frage der Gerechtigkeit: Die Ost-West-Angleichung ist längst überfällig. Und Arbeitszeitverkürzung ist eine Frage der Gesundheit. Mit dem immer weiter steigenden Leistungsdruck und der Arbeitsverdichtung halten die Leute sonst bis zur Rente nicht durch.«

Von der notwendigen Solidarität und praktischen Unterstützung ist noch nicht so viel zu spüren, Parteien, Parlamente, Kirchen und Vereine halten sich noch zurück. Die Bemühungen der Arbeitsgruppe »Arbeit fair teilen« von ATTAC, dieses politische und soziale Thema in Verbindung mit ihrer Veranstaltung zur Novemberrevolution und der Durchsetzung des 8-Stunden-Tages vor 100 Jahren populär zu machen, stößt auf mäßige Resonanz in der Politik, bei den Parteien und in der Gesellschaft. Gleichwohl machen die dokumentierten Aussagen der Beschäftigten deutlich, dass es dabei auch um Stressabbau und Gesundheit, um Gerechtigkeit allgemein und Geschlechter- und Generationengerechtigkeit im besonderen geht und um die gesellschaftliche Bewältigung der laufenden Produktivitätssprünge. Der Angst vor einer großen Welle von Entlassungen und Erwerbslosigkeit ist nicht mit schönen Worten beizukommen, sondern nur durch konkrete Veränderungen. Die Erfahrung der Deindustrialisierung, der millionenfachen Erwerbslosigkeit und Erniedrigung nach 1990 sitzt tief bei vielen Menschen.

Es besteht die Chance, die fast 30jährige Ungerechtigkeit zu überwinden, Frust und Wut der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern gegen diejenigen zu lenken, die an Konkurrenz und Spaltung der Gesellschaft ein Interesse haben und daran verdienen.


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