Aus: Ausgabe vom 24.10.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Das Geschäft in Riad läuft

Nach Mord an Regimegegner meiden Spitzenmanager aus EU und USA Konferenz in saudischer Hauptstadt. Die Firmen sind dennoch vertreten

Von Knut Mellenthin
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Trotz mancher Absage liebt man es pompös: Am Dienstag begann in Riad die FII-Konferenz

Am Dienstag hat in der saudiarabischen Hauptstadt Riad trotz zahlreicher Absagen die zweite internationale Konferenz der »Future Investment Initiative« (FII) begonnen. Die dreitägige Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft des saudischen Königs, wird aber von seinem zum Kronprinzen ernannten Sohn Mohammed bin Salman, der als wirklicher Herrscher des Landes gilt, geleitet.

Mit den Konferenzen der FII möchte Saudi-Arabien eine Alternativveranstaltung zu den alljährlichen Weltwirtschaftsgipfeln im Schweizer Nobelkurort Davos schaffen. Die saudische Propaganda versucht deshalb, den Namen »Davos in der Wüste« zu popularisieren. In erster Linie geht es jedoch nicht um die Weltwirtschaft, sondern um die Bemühungen der Saudis, ausländische Investoren für ihr Zukunftsprogramm »Vision 2013« zu gewinnen. Im Spiel sind dabei Geschäftsvolumina von mehreren hundert Milliarden, insgesamt sogar mehr als eine Billion Dollar. Das erklärte Ziel besteht darin, das Land vom Erdölexport unabhängig zu machen, indem die industrielle Produktion und international anzubietende Dienstleistungen vorangetrieben werden.

Zahlreiche Absagen

Die am Dienstag feierlich und unter starken Sicherheitsmaßnahmen eröffnete Konferenz wurde im Vorfeld der letzten zwei Wochen medial von zahlreichen Absagen vor allem aus der EU und den USA überlagert. Äußerer Anlass dafür war die Ermordung des oppositionellen Journalisten Dschamal Chaschuqdschi (englische Umschrift Jamal Khashoggi) am 2. Oktober im saudischen Konsulat in der türkischen Metropole Istanbul. Als einer der allerletzten kündigte am Wochenende auch der Vorstandsvorsitzende der deutschen Siemens AG, Josef (»Joe«) Käser, an, dass er an der Konferenz nicht teilnehmen werde. Der vermutlich wichtigste westliche Manager, der in Riad anwesend ist, dürfte der Chef des französischen Energiekonzerns Total, Patrick Pouyanné, sein.

Um ein »Debakel« für die Gastgeber, wie manche deutschen Magazine schrieben, handelt es sich dennoch nicht. Die Liste der Absagen – unter anderem Spitzenmanager der weltweit einflussreichsten Unternehmen und Banken – dokumentiert zunächst nur, wie groß das Interesse an der Konferenz war, bevor die Ermordung Dschamal Chaschukdschis eine symbolische Distanzierung vom Saudi-Regime erzwang. Viele Akteure teilten keine Begründung für ihr Nichterscheinen mit, andere gaben dieses nicht einmal öffentlich bekannt. Ihr Fehlen ergibt sich nur vermutungsweise aus von den Saudis vorab verbreiteten Teilnehmerlisten. Die meisten Banken, Konzerne und Investorengruppen, deren Chefs demonstrativ nicht nach Riad reisten, sind bei der Konferenz dennoch durch hochrangige Manager präsent. Kaum jemand will wegen der Ermordung eines oppositionellen Journalisten aus dem zukunftsträchtigen Geschäft mit den Saudis aussteigen. Erst recht nicht, nachdem man deren seit 2015 geführten Krieg im Jemen, der dort die derzeit weltweit schlimmste humanitäre Katastrophe ausgelöst hat, bis jetzt konsequent ignoriert hat.

Das Regime in Riad hat es außerdem geschafft, die Bedeutung der gestern eröffneten Konferenz trotz der vielen Absagen aufrechtzuerhalten. Unternehmen und Investorengruppen aus Russland und China sind mit großen Delegationen erschienen. Darüber hinaus mobilisierten die Gastgeber mit Erfolg ihre Partner und die von ihnen abhängigen Staaten in der muslimischen Welt zur Konferenz. Beispielsweise soll der erst seit August amtierende pakistanische Regierungschef und ehemalige Kricketstar Imran Khan sich ganz kurzfristig nach einem Anruf aus Riad ins Flugzeug gesetzt haben.

Business as usual

Wieviel Scheinheiligkeit im Spiel ist, zeigt das Verhalten der US-Regierung: Nach tagelangem Zögern sagte Finanzminister Steven Mnuchin am Donnerstag seine Teilnahme an der FII-Konferenz ab. Dennoch flog er am Sonntag nach Riad, um sich mit dem Kronprinzen zu treffen und die »Wichtigkeit der strategischen Partnerschaft« zwischen beiden Staaten hervorzuheben. Präsident Donald Trump lehnt, unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen, Sanktionen gegen Saudi-Arabien ab.

Die erste Konferenz der Future Investment Initiative hatte im Oktober 2017 stattgefunden. Offizieller Veranstalter ist der saudische Public Investment Fund (PIF), der vom Kronprinzen geleitet wird. Ein Schwerpunkt der strategischen Pläne des Regimes ist die Errichtung einer völlig neuen, 26.500 Quadratkilometer großen Wirtschaftszone namens Neom am Ausgang des Golfs von Akaba zum Roten Meer. Das geplante oder erhoffte Investitionsvolumen für das oft auch als »Megastadt« bezeichnete Projekt, das flächenmäßig etwas größer ist als der nahegelegene Staat Israel, wird mit der gigantischen Summe von 500 Milliarden Dollar angegeben. Unter anderem soll das Gebiet mit einer von malerischen Stränden und Korallenriffen geprägten, 470 Kilometer langen Küste und bis zu 2.500 Meter hohen Bergen auch internationale Touristikunternehmen im großen Stil anziehen. Eine zehn Kilometer lange Brücke soll Neom mit der ägyptischen Sinaihalbinsel verbinden. Israel hat sein Interesse bekundet, die bisher nur auf dem Papier geplante Wirtschafts- und Touristikzone über eine noch zu bauende Pipeline mit Erdgas zu beliefern.


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