Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Sonnenbad im Chaos

Wieso eigentlich die Welt retten? Der japanisch-französische Animationsfilm »Mutafukaz«

Von Michael Streitberg
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Noch ist die Welt in Ordnung: Während Angelino einem Mädchen nachschaut, nähert sich schon der verhängnisvolle Lkw

»Das Leben ist schon kompliziert genug, besonders wenn man meine Visage hat«: Angelino, einem 20jährigen Pizzaboten in der dystopischen Megalopolis Dark Meat City, steht der Sinn nicht nach Abenteuern. In seiner Stadt, die frappierend an ein völlig kaputtes Los Angeles erinnert, braucht man angesichts des alltäglichen Wahnsinns – Straßenbanden, Schießereien, übelmeinende Kaputtniks an jeder Ecke – auch wahrlich keinen zusätzlichen Ärger.

Eines Tages jedoch wird der junge Mann mit dem markanten Gesicht, verzaubert vom Anblick eines Mädchens mit Totenkopfspangen im Haar, von einem Lastwagen angefahren. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hat, geht der große Ärger erst richtig los. Fortan sieht er Gespenster beziehungsweise Tentakelmonster. Und diese sind keine Einbildung. Als ihm dann auch noch schießwütige Geheimagenten und Polizisten in martialischen Robocop-Rüstungen nach dem Leben trachten, gerät selbiges völlig aus den Fugen. Gemeinsam mit seinen Freunden – dem mit einer im wahrsten Sinne flammenden Mähne ausgestatteten WG-Kumpel Vinz, dem rappenden Nager Willy und einer Armada von Kakerlaken – findet sich Angelino inmitten einer ganz großen Verschwörung wieder, mit Alieninvasion und allem Drum und Dran. Dabei hat er keinen blassen Schimmer, warum man es auf ihn abgesehen hat.

Was im Folgenden noch so alles passiert, lässt sich kaum erschöpfend nacherzählen. Der Film selbst scheint sich dessen bewusst und freut sich an seinem eigenen Chaos. So wirft et wa ein Zwischentitel die berechtigte Frage auf, wo nun plötzlich muskelbepackte (Aztekenkrieger-)Wrestler herkommen und was diese mit der ganzen Sache zu tun haben.

Über weite Strecken wirkt die Comicverfilmung »Mutafukaz« (nach der gleichnamigen Geschichte von Run, einem Pseudonym von Koregisseur Guillaume Renard) damit wie die künstlerische Begleitung zu einer Welt, in der kaum jemand mehr den Durchblick wahren kann und in der alle Sinnzusammenhänge langsam zu verschwimmen drohen. Wie soll man es sich zum Beispiel auch erklären, dass die Menschen Tag für Tag ihren Planeten zugrunde richten? Da mag es manchem durchaus plausibel erscheinen, dass die wahren, außerirdischen Herrscher der Erde nun mal keine Kälte vertragen – und den kollaborierenden menschlichen Eliten daher auftragen, für konstante Erwärmung zu sorgen. Auch der US-Präsident ist nicht von dieser Welt: Der genial ersponnene Name des imaginären Politikers, den man erst im Abspann erfährt, verbindet George W. Bush mit einem grünkapitalistischen Klimaapostel und einer wetterfesten Membran für Outdoorbekleidung.

Die Macher der japanisch-französischen Koproduktion haben es in jedem Fall verstanden, das Weltenchaos in den schillerndsten Farben erstrahlen zu lassen. Der Stilmix aus Elementen japanischer und frankobelgischer Comic- bzw. Zeichentricktraditionen funktioniert hervorragend, er macht den Film zu einem audiovisuellen Fest. Wilde Verfolgungsjagden im Eiswagen bleiben ebenso im Gedächtnis wie die düstere Ästhetik einer retro­futuristischen, aus Dampfrohren und Zahnrädern zusammengeschusterten Alienbasis. Mal entfaltet sich das Geschehen während einer Rückblende in Buntstiftoptik, mal werden Angelinos Alpträume in der Ästhetik des Ex pressionismus und des Surrealismus dargestellt. Treibende Bässe, Hip-Hop-Beats und Latin-Grooves bilden den passenden Soundtrack zum hypnotischen Reigen.

»Mutafukaz« begnügt sich gleichwohl nicht damit, ein visuelles Feuerwerk abzubrennen. Abseits des Rambazambas kommen in ruhigeren Szenen Wehmut und Melancholie auf. So fragt man sich, warum eigentlich jemand Kalifornien (oder gar die Welt) retten soll, nur damit wenig später der nächste Todesstern am Himmel auftaucht und seine Armee in Bewegung setzt.

»Ich will jemand sein«, ist der ebenso simple wie schwer zu erfüllende Wunsch von Angelino, der an einem Kindheitstrauma leidet. Wenn die Alieninvasion verschoben wurde, aber der Mensch, den man liebt, unerreichbar bleibt – was kann man dann noch anderes tun, als wie Angelino Papierfliegerbriefe in den Wind zu werfen?

»Mutafukaz«, Regie: Shojiro Nishimi und Guillaume Renard, Frankreich/Japan 2017, 90 Minuten, deutschlandweit am 25. und 28. Oktober in ausgewählten Kinos


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