Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Erbe geregelt

Eigentümer von Knorr-Bremse freut sich über zweitgrößten Börsengang in diesem Jahr. Beschäftigte haben nichts davon

Von Martin Hornung
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Der Milliardär greift zu: Das Vermögen von Heinz Hermann Thiele wird größer und größer

Knorr-Bremse-Firmeneigner Heinz Hermann Thiele sieht sein Lebenswerk vollendet: Mit 30 Prozent der Aktien ist er am 12. Oktober an die Deutsche Börse gegangen und kann weitere 3,9 Milliarden Euro auf seinem Konto verbu­chen. Im Beisein von Frau und Tochter schwang Thiele zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Klaus Deller beim Verkauf von 48,36 Millionen Aktien in Frankfurt am Main die Börsenglocke. Bei einem Ausgabe­preis von 80 Euro je Aktie war das Papier zum Börsenschluss 81,64 Euro wert. Die Süd­deutsche Zei­tung titelte: »An einem Tag um vier Milliarden reicher.«

Insgesamt wird der Konzern mit 13,9 Milliarden Euro bewertet. Privatanlegern wurden 0,9 Prozent der Aktien zugeteilt (was etwa 35 Millionen Euro entspricht). Deller und Vorstandsmit­glieder durften »bevorrechtigt« Aktien für 3,15 Millionen Euro zeichnen. Nach der Siemens-Medizintechnikt­ochter Healthineers (4,2 Milliarden Euro) handelt es sich um den zweitgrößten Bör­sengang in der BRD 2018. Orga­nisiert wurde die »Emission« von den Geldhäusern JP Morgan, Deutsche Bank und Morgan Stanley. Mit 70 Prozent bleiben Thiele und Familie Mehrheitsaktionäre – das Erbe ist geregelt.

Der mehr als 15 Milliarden Euro schwere Boss gilt laut Manager-Magazin als siebtreichster Deutscher. Als »Welt­marktführer« beutet der »Bremsenkönig« in 30 Ländern in 100 Betrieben insgesamt 29.000 Beschäftigte aus. In Deutschland scheffelt der 77jährige Familienpatriarch Extraprofite, indem er die mehr als 5.000 Beschäftigten 42 statt der tariflich üblichen 35 Stunden pro Woche arbeiten lässt – mehr Geld bekommen sie dafür nicht. Im vergangenen Jahr erzielte Knorr-Bremse im Nutz- und Schie­nenfahrzeugbereich 6,15 Milliarden Euro Umsatz und einen Bruttogewinn (Ebitda) von 1,12 Mil­li­ ar­den. Mit 18,1 Pro­zent liegt die Marge damit bundesweit im Spitzenbereich der Industrie. Der Konzern be­herrscht 42 Prozent des globa­len Nutzfahrzeugbremsenmarkts, bei Schienenfahrzeugen 50 Prozent.

Auch politisch hat sich Thiele mehrfach eingemischt: 2015 hat er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)»we­gen des unbeherrschbaren Themas Flüchtlinge« und des »Desasters für Deutschland« angemacht. 2013 hatte er auch öffentlich sein »Bedau­ern« zum Ausdruck gebracht, dass es die AfD damals nicht in den Bundestag schaffte.

Nur einmal hat Kapitalist Thiele während über 30jährigen Regentschaft nicht alles aus dem Weg räumen können: 2016/17 scheiterte sein Versuch, den nach Wabco zweitgrößten Konkurrenten Haldex zu schlucken. Nachdem er bereits 15 Prozent der Haldex-Aktien unter seinem Nagel und mit völlig überzogenen 580 Millio­nen Euro Kaufangebot den Mitbewerber ZF (mit 20 Pro­zent größter Haldex-Aktionär) ausgestochen hatte, musste er am Ende doch passen. Keinen geringen Anteil daran hatte auch die Belegschaft des deutschen Hal­dex-Werks in Heidelberg (ehe­mals Grau-Bremse), die damit nach 1984 und 1998 zum dritten Mal verhin­dern konnte, von Knorr-Bremse übernommen und ausradiert zu werden. Die schwedische Presse verbreitete 2017 ausdrücklich: »Auch die deutsche IG Metall ist gegen die Übernahme.«

Den Unmut und Widerstand der Beschäftigten gegen die 42-Stunden-Woche vorwiegend in den Berliner Werken hat der Knorr-Vorstand auch nicht ganz besiegen können. Beim aufgekauften Unternehmen Steering­ Sytems in Wülfrath (ehemals Ford) steht die Auseinandersetzung noch an. Vier Tage nach dem Börsen­gang haben nun Be­triebsrat und IG Metall eine »Beteiligung« am Börsengang gefordert. Der Konzernbe­triebsrat hat die Forde­rung nach einer »Sonderausschüttung« an den Vorstand übermittelt und will »7.000 Euro Er­folgsgratifikation für jede Kollegin und jeden Kollegen«. Denn sie hätten schließlich »entscheidend zum Er­gebnis beigetragen«. Die geforderten 203 Millionen Euro machen gerade mal fünf Prozent der 3,9 Milliar­den aus. Während Deller laut Manager-Magazin Anspruch auf einen Bonus von 1,6 Millionen Euro hat, haben Eigentümer und Vorstand die Belegschaftsforderung prompt abgelehnt, »aus prinzipiel­len Gründen«.

Vorbei scheint die Sache aber nicht. Die IG Metall Berlin schrieb am 16. Oktober: »Dieser Börsengang ist auch dem unternehmerischen Können von Heinz-Hermann Thiele zu verdanken, vor allem aber seinen Beschäftig­ten. Viele von ihnen arbeiten seit vielen Jahren deutlich länger, nicht selten sieben Wochenstunden, und das alles kostenlos.« Dafür habe Thiele den Unternehmerverband und die Tarifbindung verlassen. Knorr-Bremse müsse endlich sozial werden. Es sei an der Zeit, dass das Unternehmen seinen Beschäftigten etwas zu­rückgebe.


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