Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Von wegen Freiheit

Dotas neues Album trifft den Nerv der Zeit

Von Katja Klüßendorf
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Dota, die Band, mit Dota, der Sängerin, im weißen Kleid. In der Sauna

»Soviel Freiheit. Ich bin überfordert. Was mach ich daraus? / Ich such mir einen Yogalehrer, der mir sagt, wann ich einatmen soll und wann aus.« Dieser titelgebende Zweizeiler ist in seiner Ironie und Poesie exemplarisch für Dotas neues Album »Die Freiheit«. Seit fünf Jahren spielt die Band, das sind die Liedermacherin Dota Kehr, Gitarrist Jan Rohrbach, Schlagzeuger Janis Görlich und Patrick Reising, der mit dieser Platte den vormaligen Keyboarder Jonas Hauer ablöste, unter dem Vornamen ihrer Sängerin. In den nuller Jahren veröffentliche Kehr zunächst unter dem Pseudonym »Kleingeldprinzessin« und dann als »Dota und die Stadtpiraten«. »Die Freiheit« ist bereits ihr insgesamt 14. Album, es ist wie alle zuvor bei ihrem selbst gegründeten Label »Kleingeldprinzessin Records« erschienen. Die 38jährige Berlinerin ist gern ihre eigene Chefin.

Waren die ersten Alben noch von brasilianischen Klängen – das Album »Schall und Schatten« (2009) spielte sie mit der Bossa-Legende Chico César ein – und von Folkrock geprägt, gibt es auf der neuen CD neben Ska, filigranen Gitarren und um Bläser bereicherte Arrangements erstmals Ausflüge in Richtung Elektropop. Dazu Kehrs unverkennbare zarte, fast kindliche Stimme, mit der sie Gesellschaftsanalyse im Versmaß liefert. Dota sucht nach Fluchtwegen aus der Großstadt (»Bunt und hell«) und nach der erfüllten Liebe per Smartphone-Wischbewegung (»Prinz«), erzählt vom Umgang mit Leistungsdruck (»Orte«) oder vom gesellschaftlichen Alltagsdilemma um einen rassistischen Witz (»Zwei im Bus«). In »Kapitän« singt sie über die Orientierungslosigkeit einer Beziehung: »Weil du nichts lenkst und weil ich nichts entscheide / und wir jeder nur nach hinten schauen / so sitzen wir jetzt beide im Bauche des Wals voll Vertrauen / und fragen, wo geht’s hin, Kapitän?« Ohne Not keine bewussten Entscheidungen fürs Leben treffen – das sind Luxuspro­bleme. Das klingt auch in vielen Texten des neuen Albums durch, denn »wir sind zweifellos privilegiert auf der anderen Seite des Panzerglases« (»Raketenstart«).

»In der Hand« ist der vielschichtigste Titel, inhaltlich und musikalisch. Er erzählt die Geschichte eines Menschen, der sich gegen die Willkür eines Überwachungsstaats zu wehren versucht. Angesichts der Kriminalisierung der G-20-Gegner in Hamburg oder der Demonstranten im Hambacher Forst ein besonders verstörender Text, denn man »las nicht vor, was da stand, / er sagte nur, wir haben was gegen Sie in der Hand«. Die Angst wird durch die Ich-Perspektive noch greifbarer. Am Ende steht eine Hörspielsequenz mit jazziger Musik, die das Lied zum Krimi werden lässt.

Kehr erzählt ihre Geschichten in einfachen Worten, bleibt bewusst vage, urteilt nicht. Auf die Frage, ob sie sich als politische Künstlerin sehe, antwortete sie, dass sie oft in die Kategorie »politisches Lied« eingeordnet werde, aber nicht denke, dass sie »da eine große Kompetenz habe, nicht mehr als irgendwer, der Zeitung liest. Aber es gibt natürlich Sachen, wo eine Haltung unerlässlich ist« (RBB-Kulturmagazin, 8.9.18). Sie schätzt Franz Josef Degenhardt, Konstantin Wecker und Hannes Wader. Auf dem Gedenkkonzert, das die junge Welt kurz nach dem Tod Degenhardts Ende 2011 im Berliner Ensemble organisierte, interpretierte sie dessen Stück »Ein schönes Lied«. Sie sang es mit zarter Stimme, obwohl es um makabere Inhalte geht, »vertraut, verspielt / verspielt, vertraut und nicht zu laut«.

Dota: Die Freiheit (Kleingeldprinzessin-Records)


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