Aus: Ausgabe vom 20.10.2018, Seite 6 / Ausland

Trümmer und Sand

Das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus ist zerstört

Von Karin Leukefeld
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Soldaten im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus im Mai 2018

Hamad (Name red. geändert) will nicht mehr nach Jarmuk. Er würde das nicht verkraften, sagt der 60jährige hochgewachsene syrische Palästinenser. Zwei große Häuser hatten er und seine Brüder im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus gebaut. Sein Sohn habe mit seinen eigenen Augen gesehen, dass die Häuser nicht mehr stehen, an ihrer Stelle nur noch Trümmer und Sand, erzählt der nervöse Hamad. »Er hat mir Videoclips und Fotos gezeigt, die er mit dem Handy gemacht hat.«

Als Hamad 1958 im »Muchajem Jarmuk« geboren wurde, wie es offiziell nach wie vor heißt, war aus dem »Lager« (Muchajem) bereits ein dichtbesiedelter Stadtteil der syrischen Hauptstadt geworden, der sich immer weiter Richtung Süden ausdehnte. Viele junge syrische Familien zogen nach Jarmuk, wo sie die Mieten oder Preise für eine Wohnung, ein Haus noch bezahlen konnten. Dem Zuzug folgte eine wirtschaftliche Entwicklung, die das Stadtviertel zu einem der beliebtesten in Damaskus machte. Hier gab es die neueste Mode, die preiswertesten Gebrauchtwagen, Ersatzteile für alles, und zwar günstig. Als in Syrien 2011 der Krieg ausbrach, waren von den rund eine Million Menschen in Jarmuk nur noch etwa 160.000 palästinensischer Herkunft.

Hamad und seine Brüder hatten für ihre zwei Häuser 20 Jahre in den Golfstaaten gearbeitet. Die Brüder und Schwestern erhielten je eine Wohnung darin, auch für die Eltern war Platz. Die waren 1948 im Zuge der gewaltsamen Gründung des Staates Israel aus ihrer Heimatstadt Haifa vertrieben worden und hatten sich damals im Lager Jarmuk niedergelassen.

Die UN-Organisation für die palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA) ist dort seit 1957 tätig. Schulen und Gesundheitszentren wurden gebaut. Syrien betrachtete die Palästinenser als »Gäste«, sorgte aber dennoch dafür, dass sie mit den Jahren die gleichen Rechte und Pflichten erhielten wie die eigenen Staatsbürger. Nur an Wahlen durften sie nicht teilnehmen, auch vom Wehrdienst waren sie ausgeschlossen.

Nun liegt nicht nur Muchajem Jarmuk in Trümmern – sämtliche palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien sind zerstört. Hamad ist nicht der einzige, der sein Leben lang gearbeitet und alles verloren hat. Nach UN-Angaben haben Zehntausende Palästinenser Syrien verlassen und sind nach Jordanien, Ägypten oder Libyen geflohen, von wo aus einige von ihnen versuchten, mit Schlauchbooten über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Diejenigen, die zurückgeblieben sind, werden meist von Angehörigen im Ausland unterstützt.

Hamad, seine Frau, die zwei Kinder und eine seiner Schwestern wohnen seit 2012 in einem einfachen Hotel in der Innenstadt von Damaskus. Die Miete bezahlen seine Brüder, die in Europa und Kanada leben. Seine Arbeit als Lehrer hat er verloren, seit die UNRWA viele Schulen in den zerstörten Lagern schließen musste. Von der UN-Organisation erhält die Familie – weil sie aus Jarmuk stammt – 70 US-Dollar im Monat. Das entspricht etwa dem Mindestlohn in Syrien. Hamad spricht nicht darüber, doch wie andere in seinem Alter, die ihr gesamtes Lebenswerk verloren haben, plagen ihn Depressionen.

Rund 500.000 Palästinenser waren 2010 bei der UNRWA als Flüchtlinge in Syrien registriert. Nach jüngsten Angaben vom August 2018 leben heute noch 438.000 von ihnen dort. 58 Prozent sind Inlandsvertriebene, 95 Prozent sind auf Hilfe angewiesen. Den finanziellen Bedarf für Syrien im Jahr 2018 bezifferte die UNRWA auf 480 Millionen US-Dollar. Bis zum 1. September hat sie etwa 54 Millionen erhalten, also 12,5 Prozent.


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