Aus: Ausgabe vom 19.10.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Ist der Ruf erst ruiniert …

Saudi-Arabien will international Geld für den Umbau seiner Wirtschaft einsammeln

Von Knut Mellenthin
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Pause für Sicherheit: Leibwächter rauchen während des Besuchs von US-Außenminister Michael Pompeo in Riad (16.10.2018)

Vom 23. bis zum 25. Oktober soll in Riad zum zweiten Mal eine internationale Konferenz der Future Investment Initiative (FII) stattfinden. Spitzenmanager aus Wirtschaft und Finanzen hatten ihre Teilnahme angekündigt. Aber nach dem immer noch unaufgeklärten »Verschwinden« des saudischen Regimekritikers Dschamal Chaschukdschi am 2. Oktober hagelt es Absagen. Darunter die von Generaldirektoren führender europäischer Banken und anderer Finanzinstitute, aber auch zahlreicher Medienvertreter. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, hat ihre Reise nach einigem Zögern »verschoben«; US-Finanzminister Steven Mnuchin sieht ebenso wie der Siemens-Vorstandsvorsitzende Josef Käser im Moment keinen Grund zum Fernbleiben; und der deutsche Außenminister Heiko Maas scheint noch den letzten Aufruf seines Fliegers abwarten zu wollen, um sich dann am Verhalten der US-Regierung zu orientieren.

Die FFI ist ein Lieblingskind von Kronprinz Mohammed bin Salman, oft zu MBS verkürzt, der nebenbei auch Verteidigungsminister, Vizepremier, erster Wirtschaftslenker und stellvertretend für seinen 82jährigen Vater König Salman auch der wirkliche Monarch von Saudi-Arabien ist. Zusätzlich steht er zur Zeit im Verdacht, hinter der mutmaßlichen Ermordung Chaschukdschis zu stecken. Das ist für einen ruhigen, zuversichtlichen Gang der Geschäfte nicht optimal. Dabei geht es um sehr viel Geld: zwischen 500 Milliarden und einer Billion US-Dollar in den nächsten Jahren. Das liegt im Bereich eines Jahresetats des Pentagons.

Die Konferenz der FFI fand erstmals im Oktober 2017 statt und ist als alljährlich zu wiederholendes Ereignis geplant. Damals zog das Großereignis 3.800 hochkarätige Teilnehmer aus 90 Ländern an. Grundsätzlich soll laut Tagesordnung über zahlreiche Fragen der modernen Welt und ihrer Zukunft diskutiert werden. Aber im harten Kern geht es um die Umsetzung eines vom Kronprinzen protegierten Projekts namens »Saudi Vision 2030«. Das Ziel: Saudi-Arabien, gegenwärtig wohl zweitgrößter Erdölproduzent der Welt mit extremer Abhängigkeit vom Export dieses Rohstoffes, soll in eine industrialisierte, vom Öl ganz unabhängige Gesellschaft transformiert werden. Dazu werden »Investitionen« in ungeheurer Höhe benötigt, also Geldvorschüsse, die das Land unmöglich allein aufzubringen vermag. Im besten Fall also ein Eldorado für Anleger, die von Glücksrittern und Gründungsschwindlern nicht immer lupenrein zu unterscheiden sind.

Als bisher bei weitem größtes Projekt ist »Neom« erkennbar. Mal ist von einer »Megacity«, mal von einer »Sonderwirtschaftszone« die Rede. Die Lage ist erstklassig: am strategisch wichtigen Ausgang des Golfes von Akaba zum Roten Meer, direkt gegenüber der ägyptischen Sinaihalbinsel, aber auch nicht weit entfernt von der israelischen Hafenstadt Eilat. In Israel träumen manche schon davon, das aus der Wüste zu stampfende Kunstprodukt »Neom« mit Erdgas zu versorgen, was die Beziehungen zwischen dem zionistischen und dem saudischen Staat beflügeln könnte.

Billig würde das freilich nicht werden: Der Finanzierungsbedarf der 26.500 Quadratkilometer großen Zone, die nach Ägypten und Jordanien hineinreichen soll, wird mit 500 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Das sind riesige Summen, die sehr viel Vertrauensvorschuss erfordern. Den hätte das Saudi-Regimes vermutlich nie gerechtfertigt. Aber ihm schweren Schaden zuzufügen, war dennoch möglich.


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