Aus: Ausgabe vom 18.10.2018, Seite 5 / Inland

Kerosin, ihr Idioten

Ryanair-Chef Michael O'Leary will neue Basis in Tegel eröffnen. Pöbeleien gegen Gewerkschafter

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Nach dem Streik werden Maschinen abgezogen: Der Flughafen Weeze in Nordrhein-Westfalen (28.9.2018)

Die zuletzt in mehreren europäischen Ländern bestreikte irische Fluggesellschaft Ryan­air errichtet im April 2019 am Berliner Flughafen Tegel ihre zehnte Basis in Deutschland. Dazu übernehme der Billigflieger vier dort stationierte Maschinen des Unternehmens Laudamotion, kündigte Ryanair-Chef Michael O'Leary am Mittwoch in Berlin an. Ryanair hält drei Viertel der Anteile an Laudamotion. Diese wiederum hatte Maschinen sowie Start- und Landerechte der insolventen Air-Berlin-Tochter Niki übernommen.

O'Leary sagte, man wolle weiterhin Verkehr und Streckennetz ausbauen. Für 2019 erwarte er in Deutschland aber kein Wachstum. Der Druck auf die Preise bleibe hoch, während der Ölpreis steige, erklärte er. Eine Rolle spiele dabei auch der schwelende Tarifkonflikt. Solange es keine Klarheit mit den Gewerkschaften gebe, werde nicht in zusätzliche Flugzeuge investiert. Ryanair hatte erst kürzlich angekündigt, die Basis in Bremen mit zwei stationierten Flugzeugen zu schließen und in Weeze zwei von fünf Maschinen abzuziehen. Von Gewerkschaftsvertretern war das als »Kriegserklärung« im laufenden Tarifkonflikt gewertet worden. O'Leary warf den Gewerkschaften vor zu lügen: »Das ist keine Kriegserklärung.« Der eigentliche Grund für die Maßnahmen in Bremen und Weeze seien die Kerosinpreise. »Öl ist bei 85 Dollar, ihr Idioten«, sagte O'Leary. Stiegen sie weiter, schließe Ryanair möglicherweise weitere Basen.

Wie die Zeit am Mittwoch vorab berichtete, sollen in Bremen und Weeze stationierte Piloten schon Anfang November an Basen im Ausland versetzt werden. Die Betroffenen haben demnach nur drei Tage Zeit, sich für einem Umzug nach London, Dublin, Kaunas (Litauen), Fès (Marokko) oder Ponta Delgada (Azoren) zu entscheiden. Ryanair teilte der Wochenzeitung mit, durch die Versetzungen Kündigungen vermeiden zu wollen. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit kritisierte den Umgang mit den Piloten. »Wir würden gerne mitreden und uns für eine sozialverträgliche Lösung einsetzen«, sagte Cockpit-Sprecher Janis Schmitt der Zeitung. »Aber Ryanair lässt aktuell keine Tarifverträge zu, die Mitbestimmung erlauben«. O'Leary versicherte aber, aus seiner Sicht liefen die Gespräche mit Verdi und der Vereinigung Cockpit gut. Treffen seien für diese und nächste Woche vereinbart, Ryanair halte eine Einigung vor Weihnachten für möglich.

Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze denkt O'Leary darüber nach, in wenigen Jahren aufzuhören. Sein Vertrag laufe bis zum nächsten Sommer, sagte der 57jährige. Der Verwaltungsrat habe ihn gebeten, um weitere fünf Jahre zu verlängern. »Ich will keine weiteren fünf Jahre machen«, sagte O'Leary. Er denke aber darüber nach, »weitere zwei oder drei Jahre zu machen, damit wäre ich 2021 oder 2022 raus.« O'Leary führt Ryanair seit 1993. Die Airline befördert nach eigenen Angaben von 14 deutschen Flughäfen aus insgesamt 20 Millionen Passagiere pro Jahr. (dpa/AFP/jW)


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