Aus: Ausgabe vom 16.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Großes ohne Seht-her-Geste

Antifaschistische Wachsamkeit trifft sozialistischen Hedonismus: Die neue DVD-Box »Konrad Wolf: Alle Spielfilme 1955–1980«

Von Felix Bartels
wolf, Konrad.jpg
»Eine Ruhe, die was setzt« (Konrad Wolf 1973 bei den Dreharbeiten zum »Nackten Mann«)

Überraschend selten wird die Arbeit großer Regisseure in einer Gesamtausgabe festgehalten. Dabei verschwindet der gezeigte Film viel leichter als das gedruckte Buch. Manche Filme Konrad Wolfs wurden nach ersten Vorführungen nie wieder gezeigt, einige waren selbst auf DVD nicht erhältlich, bislang: Morgen wird in der Berliner Akademie der Künste die Box »Konrad Wolf: Alle Spielfilme 1955–1980« (Icestorm in Zusammenarbeit mit der DEFA-Stiftung) vorgestellt. Wir sprechen bei dieser Edition von einer großen Sache, auch weil wir bei Wolf von einem großen Regisseur sprechen.

Es sind 14 Regiearbeiten im Schuber, bereichert durch historische oder retrospektive Interviews, Trailer, Dokumentationen, Aufnahmen zum Szenenbild usw. Das Booklet enthält zwei instruktive Essays, man vermisst aber ein paar technische Angaben (zum Verfahren der Nachbearbeitung etwa) und eine Werkchronik.

Die Edition schafft Gelegenheit, Wolfs künstlerische und ideelle Entwicklung im Zuge nachzuvollziehen. Dabei schlägt in beiden Spuren die für ihn typische Arbeitshaltung durch, das Kühne auf bescheidene, fast konservative Weise in die Welt zu bringen. Da ist Großes ohne Seht-her-Geste und eine Ruhe, die was setzt. Die Stille, die in seinen Filmen zwischen den Dialogen herrscht, die stets bloß punktuellen Soundeffekte, der sparsame Einsatz von Musik, die dadurch nie manipulativ wirkt, entspricht Wolfs Verhalten am Set: dem schweigenden Regisseur, der dem Schauspiel Raum ließ. Intensiver war die visuelle Arbeit, aber auch sie kein Selbstzweck. Das lange Festhalten an Schwarzweiß und dem schmalen Format (erst spät stieg Wolf auf Farbe und 2,35:1 um), die versierte Kameraarbeit, der gezielte Einsatz intellektueller Montage sind nie bloß spielerisch, doch auch nicht so plakativ, dass ihre Intention nicht noch erarbeitet werden müsste.

Nie wieder wehrlos

Diese Intention war in ästhetischer und erzählerischer Hinsicht oft feingliedrig, aber stets auf den Begriff zu bringen. Kaum trennbar verschränken sich bei Wolf Vergangenheit und Gegenwart. Die im Sozialismus angelegte Humanität und die Zuversicht, sie voll zu entfalten, kommen in den Filmen zum Ausdruck, aber die neue Gesellschaft markierte keinen Kaltstart. Sie geht aus der geschichtlichen Belastung unmittelbar hervor. Noch im »Nackten Mann« (1974) spielt die Erinnerung an Babi Jar eine große Rolle. Immer wieder kollidieren das eingetrübte und das zuversichtliche Bewusstsein, trifft antifaschistische Wachsamkeit auf sozialistischen Hedonismus. Von dieser Unentschiedenheit lebt das gesamte Werk.

Natürlich war das Verhältnis nicht statisch. Vielmehr lässt sich die Entwicklung des DDR-Bewusstseins an der Chronologie der 14 Filme recht gut rekapitulieren. Wolfs Debüt, »Einmal ist keinmal« (1955) scheint eher untypisch. Nie wieder hat er eine echte Komödie gemacht, aber der Film enthält in der Figur des Komponisten Weselin, der sich weigert, U-Kunst zu machen, bereits den erwähnten Widerspruch zwischen Hedonismus und politischem Ernst, der ja gleichfalls typisch für das Selbstverständnis der aus dem Kampf geborenen sozialistischen Gesellschaft war. Wolfs zweiter Film »Genesung« (1956) erzählt die Geschichte eines Mannes, der im Konflikt zwischen Wahrheit und dem Vorsatz, das Gute zu tun, feststeckt. Das versöhnliche Ende killt den realistischen Anspruch, bringt aber wenigstens den Optimismus der Aufbruchszeit authentisch zum Ausdruck. Im selben Jahr entsteht »Lissy«, worin das Erstarken des Nationalsozialismus behandelt und gezeigt wird, dass bloßes Unbehagen am Kapitalismus noch keine fortschrittliche Haltung machen muss. Mit »Sonnensucher« (1958) legt Wolf ein Jahr vor der Bitterfelder Konferenz ein Produktionsstück vor. Auch hier spielt die Belastung durch die Nazivergangenheit mit, zugleich erscheint die sozialistische Gesellschaft als eine, deren innere Konflikte nicht klar entscheidbar sind, sondern selbst Bedeutung haben. Ein Jahr später folgt »Sterne«, das, meisterhaft inszeniert, viel weniger breit ist und eine klare Botschaft äußert: Die jüdische Lehre aus dem Vernichtungswüten der Nazis kann nur lauten – nie wieder wehrlos.

»Leute mit Flügeln« (1960) scheint vergleichsweise schwach, weil hier das persönliche Thema Wolfs, die Entfremdung von der eigenen Kultur durch Exil, im parabelhaften Verhältnis von Vater und Sohn bloß angedeutet bleibt. Wolfs Adaption des »Professor Mamlock« (1961) setzt dem Original wenig hinzu und beschreibt genau den Untergang der bürgerlichen Mitte: Die Rede vom »roten und braunen Terror« macht blind für den Unterschied von Enteignung und Vernichtung.

Eigenartige Klammer

In »Der geteilte Himmel« (1964) scheint erstmals der Pessimismus Oberwasser zu erhalten. Aber nicht ohne Widerstand: »Ihrer Resignation fehlt der Zorn«, schlägt es dem selbstgerechten Manfred Herrfurth entgegen, das heißt: Er resigniert nicht, weil er muss, sondern weil er will. Während in »Lissy« und »Professor Mamlock« Irrationalität und Faschismus identifiziert wurden, scheint in »Der kleine Prinz« (1966) eine romantische Wende angedeutet; es ist die Zeit, da in der DDR die Lust an Subjektfragen allgemein steigt, und wie so oft folgt auf eine Einseitigkeit bloß die nächste, auf den naiven Objektivismus der Rückzug in irrationale Innerlichkeit. Bei Wolf bleibt das Verhältnis vorerst in der Schwebe, wenn zwei Jahre später in »Ich war neunzehn« (1968) der sowjetische Offizier sagt: »Ich verstehe Ihre Gefühle, aber mit Gefühlen kann man keine Politik machen.« Es lässt sich wohl sagen, dass in diesem Film alles, was Konrad Wolf bewegte und konnte, aufgegangen ist.

Die vier folgenden Filme machen auch deswegen den Eindruck von Rückzugsgefechten, wobei in »Goya« (1971) die politische Unzufriedenheit mit den Zuständen der DDR in plebejischer Unzulänglichkeit einen Ausweg zu sehen meint und »Mama, ich lebe« (1976) wenig Neues mitzuteilen hat, während »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« (1974) und »Solo Sunny« (1980) ästhetisch gelungen sind. Hier war der späte Wolf einer neuen Variation auf der Spur: der Stellung des Künstlers im Sozialismus, dem Recht auf Selbstbehauptung und Bedürfnis nach gesellschaftlicher Relevanz. Nur liegt auch darin das Motiv der Rücknahme, indem Wolfs letzter Film »Solo Sunny«, nicht so hoch greift wie »Der nackte Mann« und, weniger souverän, vor allem die Unsicherheit seiner Heldin vermittelt. Die verhaltene Resignation ist hier offener Privatismus geworden, und das Sujet regrediert in die Jugendkultur. So schließt die Werkgeschichte des Konrad Wolf mit einer eigenartigen Klammer: Sein erster Film hatte von einem westdeutschen Musiker gehandelt, der sich weigert, Schlager zu komponieren. Der letzte Film erzählt die Geschichte einer ostdeutschen Sängerin, deren Ziel bloß noch ist, im Schlager erfolgreich zu sein.

»Konrad Wolf: Alle Spielfilme 1955–1980«, 14 DVDs, Gesamtlaufzeit: 1.405 Minuten, umfangreiches Bonusmaterial, Icestorm Entertainment GmbH, Berlin 2018

Vorstellung der DVD-Edition mit Evelyn Schmidt, Wolfgang Kohlhaase, Hans-Eckardt Wenzel u. a. am Mittwoch, 19.30 Uhr, Akademie der Künste am Hanseatenweg, Berlin-Tiergarten (vorher läuft ab 17 Uhr Wolfs zweiter Spielfilm »Genesung«)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Klassenkampf im Parkett (15.08.2018) Vorabdruck. Hilfe beim sozialistischen Aufbau – in den 1950er Jahren trat der Dramatiker Peter Hacks für ein revolutionäres Theater in der DDR ein (Teil I)
  • Vorschlag (16.02.2016) Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht: Die jW-Programmtips
  • Damit es Heimat werde (20.10.2015) Vor 90 Jahren wurde der spätere Regisseur Konrad Wolf geboren. Viele seiner berühmten Filme handeln von der militärischen und humanistischen Rückeroberung des von Nazis verseuchten Deutschlands
Mehr aus: Feuilleton