Aus: Ausgabe vom 16.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Neue und alte Missionen

Von Helmut Höge
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God’s own country: Gebet für »übernatürliche Weisheit« am 13. Oktober im Oval Office (auf Knien der kurz zuvor in der Türkei aus der Haft entlassene Evangelikale Andrew Brunson)

Nach der »Wiedervereinigung« prahlte jedes dynamisch daherkommende Unternehmen mit einer »Firmen-Philosophie«, später wurde daraus eine »-Vision«, heute haben wir es mit »-Missionen« zu tun. Der Bringedienst »Lieferheld« wirbt mit dem Spruch »Dein Hunger ist unsere Mission«, ein exemplarischer Einzelhändler mit »Frische Fische ist unsere Mission in Pankow«. Kürzlich erklärte mir bereits der erste Künstler seine »Mission«. Klar, dieses ganze Missionieren kommt aus den USA, wo in diesem Jahr »Mission Impossible 6« produziert wurde (weltweites Einspielergebnis an die 800 Millionen Dollar). Daneben gibt es dort »Mars-«, »Irak-« und »Afghanistan-Missions«, außerdem fast eine Milliarde (!) Interneteinträge zu diesem Stichwort. Das ist nicht nichts!

Wenn die »Tagesschau« meldet: »EU ringt mit Italien um Mittelmeer-Mission«, geht es um den Marineeinsatz, d. h. um eine militärische Verhinderung der Landung von Afrikanern an europäischen Küsten. Schon im umgekehrten Fall – bei der Landung von Europäern an deren Küsten einst – hatten sich »Missionare« aufs schändlichste hervorgetan, damals solche der diversen christlichen Kirchen – und die tun es noch heute, allen voran die aus den USA.

Mission kommt aus dem Lateinischen und heißt soviel wie Entsendung, Auftrag – Dienstreise mithin. Die christlichen »Missionare« fielen und fallen »im Auftrag Gottes« über die armen Indigenen her. Zeugnisse ihrer Schandtaten füllen Bände.

»Ist Mission nicht intolerant?« ist eine vielgestellte Frage im kirchlichen Internetforum »mission.de«. Die Antwort ist irreführend: »Die meisten Religionen haben einen missionarischen Anspruch. Das heißt, ihre Anhänger wollen anderen von ihrem Glauben erzählen und/oder durch ihre Taten so glaubwürdig leben, dass sich andere für diesen Glauben interessieren. Ein solcher Austausch zwischen Menschen ist ebenso normal wie der Dialog über politische oder soziale Fragen.« Aber die meisten Religionen haben gerade keinen »missionarischen Anspruch«, und von »Dialog« kann bei den christlichen Missionaren keine Rede sein. So gut wie alle wollen den anderen ihren Glauben aufdrängen und ihn nicht in Frage stellen. Es geht um »Submissions«, Unterwerfungen.

Sehr wenige Missionare haben den Glauben der zu Bekehrenden übernommen, also aufgehört, Missionare zu sein. Für den brasilianischen Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro ist dieser »Übertritt« ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel: Im Westen ist ein »Subjekt« – der herrschenden »naturalistischen Auffassung« gemäß – »ein ungenügend analysiertes Objekt, während in der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner das Gegenteil der Fall ist: Ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.«

Auf »mission.de« wird gefragt: »Wie eng war die Verbindung von Mission und Kolonialismus?« Aber mindestens die Missionare aus den USA haben bis heute engste Verbindung zum »Kolonialismus« – verstanden als Zerstörung der indigenen Kulturen und Einbindung der »Primitiven« in den Kapitalismus. Ihr Missionswerk beginnt in der Regel – z. B. in Amazonien – mit dem Anlegen eines kleinen Flugplatzes und dem Anstoßen des Handels mit Macheten, Jeans, Reis etc..

2011 veröffentlichte die Ehefrau eines deutschen Missionars, Doris Kuegler, das Buch »Dschungeljahre« über das Leben mit den Fayu in Westpapua. »Inmitten eines ehemals kannibalischen Volksstammes im Dschungel« gelang es der Autorin als Mutter dreier Kinder, »den kriegerischen Fayu Begriffe wie Vergebung, Gnade und Liebe zu vermitteln«. Daneben brachten die Kueglers den Ureinwohnern auch bei, den personengebundenen Gabentausch und damit die Verpflichtung zur Reziprokation zu überwinden zugunsten eines Warentauschs, der durch das Postulat der Äquivalenz gekennzeichnet ist. Das Missionarsehepaar lehrte sie also den Wert des Geldes, das Wertgesetz, wozu es ihnen Mathematik und damit abstraktes Denken beibrachte. Zudem rüstete das Paar die »steinzeitlich« lebenden Stämme mit Eisenwerkzeug aus.

Auch Tochter Sabine Kuegler hat ein Buch geschrieben, »Dschungelkind« (2006). Sie erinnert sich an eine sehr warmherzige, glückliche Kindheit bei den Fayu und hadert dann mit den »kalten« Lebensverhältnissen im Westen. Ihr Buch wurde ein Bestseller und verfilmt, zwei Nachfolger verkauften sich gut. Dennoch wurde Sabine Kuegler in dieser christlich-marktwirtschaftlichen Zivilisation alkoholabhängig und unglücklich. Dem Westfalenblatt erklärte sie 2011, »im Urwald herrsche der körperliche Krieg, in Europa aber gebe es den psychischen Krieg, und der sei schlimmer«.


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