Aus: Ausgabe vom 16.10.2018, Seite 8 / Feuilleton

»Viele Leser interessieren sich für die Revolution«

Kubanische Verlage waren mit einer Delegation auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Ein Gespräch mit Susana Camino

Interview: Anselm Lenz
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Reges Interesse: Kubanische Literaten zusammen mit Aktivisten der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba bei der Frankfurter Buchmesse 2018

Was ist das Besondere an der kubanischen Literatur?

Das Herz. Wir Kubaner können nicht ohne das Herz, es ist das Wichtigste für uns überhaupt. Wir brauchen das Herz und die Herzlichkeit wie den Sauerstoff zum Atmen – und so ist auch die Belletristik bei uns, aber eben im besten Sinne. Wir haben viele kluge weibliche Schriftstellerinnen in Kuba, ich will deshalb unbedingt Carilda Oliver nennen, die vor kurzem gestorben ist. Sie war eine unserer bedeutendsten Dichterinnen. Bei ihrem Tod trauerte das ganze Land. Die Kubaner sind ein Volk der Leser, unsere Buchmesse in Havanna ist legendär.

Wofür interessierten sich in diesem Jahr die Besucher der Frankfurter Buchmesse besonders?

Es gibt viele Leser, die sich für Ché Guevara und die Revolution interessieren. Andere interessieren sich für Kinderbücher aus Kuba oder für Landkarten. Und dann gibt es Menschen in Europa, die sich ein umfangreiches Bild von unserem Land gemacht und bereits umfangreiche Kenntnisse der kubanischen Literatur haben. Auch in Deutschland lesen viele Menschen im spanischen Original oder haben eine besondere persönliche Neigung zu Kuba. Eine deutsche Besucherin sprach mich auf Dulce María Loynaz (1902–1997, jW) an, auch sie ist eine ganz berühmte Dichterin aus Kuba. Manche Leser, wie diese Besucherin, wollen spanischsprachige Originale haben. Andere, das sind dann professionelle Verlagsmitarbeiter, wollten wissen, welche Möglichkeiten sie haben, ihre Werke in Kuba zu veröffentlichen oder Rechte an kubanischer Literatur einkaufen, um sie zu verlegen. Einige von ihnen möchten an unserer Buchmesse in Havanna teilnehmen, was uns immer sehr freut.

Wie sind die Beziehungen zwischen kubanischen und der deutschen Kulturproduzenten?

Das Interesse ist groß und die Verbindungen traditionell intensiv. Aber es gibt mittlerweile auch viel zu verbessern, dafür sind wir ja hier. Es können noch weit mehr Verlage mit uns zusammenarbeiten, auch wenn wir das erreichte Niveau bereits sehr schätzen. Es gibt große Hoffnungen, mal wieder einen großen Erfolg zu landen, aber viele kleine Erfolge haben wir jedes Jahr, und dafür sind wir dankbar. Ich habe zum Beispiel eine Vertragsverhandlung mit einem deutschen Verlag für einen Kurzgeschichtenband eines kubanischen Schriftstellers in Havanna, bei dem es um das Leben und Arbeiten in den verschiedenen Städten und den Landesteilen Kubas geht. Eine Episode handelt von der Geschichte einer deutschen Familie in Havanna, die 1844 nach Kuba eingewandert ist, um hier zu wirtschaften und Handel zu treiben. Aber auch für mich selber spielt der Austausch der beiden Kulturen eine Rolle, ich veröffentliche Bücher in Kuba wie auch in Deutschland, zuletzt erschien mein Roman »Der Liebhaber von Stammheim« auf Deutsch. Ich lebe aus familiären Gründen inzwischen mehr in Stuttgart als in Kuba.

Sie sind nicht alleine auf der Buchmesse gewesen, sondern in einer Delegation angereist. Mit wem arbeiteten Sie in Frankfurt zusammen?

Mit mir zusammen kamen die Verlegerin Tania Vargas Fonseca vom Verlag Ediciones Cubanas Artex. Dazu Rogelio Riberól, Schriftsteller und Direktor des Schriftstellerverbandes Letras Cubanas, und Lupe Gonzáles Sánchez von Citmadel, einem kubanischen Multimediavertrieb. Lupe und Rogelio waren zuvor auf der Buchmesse in Barcelona. Uns allen geht es um kubanische Literatur, kubanische Kulturproduktion und das Verhältnis zu anderen Literaturen.

Wenn Sie das Spektrum der kubanischen Literatur der Gegenwart überblicken, was wäre Ihre persönliche Empfehlung für Leser in Deutschland?

Es gibt sehr vieles, und ich will nicht unfair sein. Aber ich kann sagen, was ich selber lese und allgemein für den Einstieg in die vielfältige kubanische Literatur empfehlen würde. Das ist zum Beispiel der Roman »Gallego« von Miguel Barnet. Es ist ein berührender Roman über die Einwanderung eines Galiciers nach Kuba.

Susana Camino ist Schriftstellerin und war Teil der kubanischen Delegation auf der Frankfurter Buchmesse


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