Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Es liegt jetzt an uns

75. Jahrestag: Erstmals wird die Gedenkfeier zum Aufstand in Sobibor ohne Überlebende stattfinden

Von Brigitta Huhnke
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Musste erkämpft werden, über Jahrzehnte: Gedenkstein in Sobibor

Ganz im Osten Polens, im Dreiländereck mit Belarus und der Ukraine, liegt in einem bewaldeten Gebiet das kleine Dorf Sobibor. In einem Lager unweit des Bahnhofs wurden hier von Mai 1942 bis Oktober 1943 wenigstens 170.000 Juden ermordet. Die Schätzungen reichen bis zu einer Viertelmillion. Deutsche und Trawniki-Männer (von der SS ausgebildete Kriegsgefangene) brachten Transporte mit 2.000 Menschen innerhalb von 20 Minuten in Gaskammern ums Leben, Kommandant war Franz Stangl aus Österreich.

Neben Belzec und Treblinka war Sobibor eines der drei großen Mordlager der »Aktion Reinhardt«, der etwa 1,8 Millionen Menschen zum Opfer fielen, die meisten waren polnische Juden. Im kleinen benachbarten Städtchen Wlodawa zum Beispiel befahl SS-Untersturmführer Richard Nitschke dem Judenrat an einem Samstag, also am Sabbat, im Juli 1942, alle Kinder aus dem Ort und der Umgebung auf den Sportplatz zu bringen und sie davor hübsch anzuziehen. Das Gedenkbuch von Wlodawa hielt fest: »Ungefähr 700 Kinder wurden von den Juden gebracht, und Nitschke gab seinen Leuten ein Zeichen, über die Juden herzufallen, ihnen die Kinder zu entreißen und sie wie Holzstücke auf die Wagen zu werfen«. Viele Eltern gingen mit den Kindern nach Sobibor.

Am 14. Oktober vor 75 Jahren brach im Lager Sobibor ein Aufstand der zu diesem Zeitpunkt etwa 650 Arbeitshäftlinge los, organisiert von einer kleinen Gruppe aus Minsk deportierter Juden. Mindestens 16 SS-Männer wurden getötet. Mit Messern und Äxten stürmten die Aufständischen das Waffenlager, etwa 365 gelang an jenem warmen, sonnigen Tag die Flucht – die folgende Hetzjagd überlebten trotz waldreicher Gegend nur 47 von ihnen. Das Lager wurde umgehend dem Erdboden gleichgemacht, zur Tarnung ein Bauernhof errichtet, ein Jungwald gepflanzt.

Was wir über die Mordstätte wissen, ist Zeugnissen der Überlebenden zu verdanken. Im Frühjahr erschien ein »Bericht über den Aufstand in Sobibor« im Metropol-Verlag erstmals auf deutsch. Der Verfasser Aleksandr Petscherski war als sowjetischer Kriegsgefangener maßgeblich an der Erhebung beteiligt und erhielt 2016 von Präsident Wladimir Putin posthum die Tapferkeitsmedaille – gestorben war Petscherski Anfang 1990 im Alter von 80 Jahren.

Das Gedenken musste erkämpft werden, auch in Sobibor. Erst 1965 wurde dort eine Gedenktafel an einer Mauer angebracht. Die ermordeten Juden waren auf ihr nur am Rande erwähnt. Anfang der 80er Jahre tauschte der Überlebende Thomas »Toivi« Blatt diese Tafel eines Nachts kurzerhand aus. Bis 1993 war auf dem Gelände ein Kindergarten untergebracht – mit Spielplatz. Auf Druck von Überlebenden wurde in dem Kindergartenhäuschen zum 50. Jahrestag des Aufstandes ein kleines Museum eingerichtet.

An der Mauer mit der ausgetauschten Tafel wurde jahrzehntelang ein Platz für eine Tafel in deutscher Sprache freigehalten. Geldgeber dafür fanden sich erst 2003. Zum 60. Jahrestag begann damals das Bildungswerk Stanislaw Hantz mit dem Bau einer Gedenkallee. Entlang des Weges vom Entkleidungsplatz zu den Gaskammern wurden Gedenksteine aufgestellt und Bäumchen gepflanzt. Gemeinsam mit der Stiftung Sobibor, die ihren Sitz in Amsterdam hat, veranstaltet das Bildungswerk jedes Jahr Exkursionen zu den Mordstätten der »Aktion Reinhardt«.

Auch Thomas Blatt hat ein Buch über seine Erinnerungen an das Lager Sobibor veröffentlicht. Als Drehbuchautor war er an dem berühmten Film »Flucht aus Sobibor« (1987) beteiligt. 2015 ist er gestorben. Im Folgejahr verschied der Überlebende Philip Bialowitz, der wie Blatt aus dem Stetl Izbica stammte, das 1942 von der SS zum Zwischenlager für Sobibor und Belzec umfunktioniert worden war. Bis zuletzt nahm Bialowitz, der ebenfalls ein Buch hinterließ, an Gedenkfeiern teil, sprach in Schulen. 2012 schrieb er an den damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, bat um finanzielle Unterstützung für die Absicherung der Totenfelder und den Bau einer Gedenkstätte. Mit welchem Ergebnis, ist etwas unklar. »Der Bundesregierung liegt keine Unterstützungsbitte der polnischen Seite zur Erschließung der historischen Substanz vor«, hieß es in einer Antwort der Regierung vom vergangenen Mai auf eine kleine Anfrage von Bundestagsabgeordneten der Linkspartei. Aber es seien »Mittel in Höhe von 1 Mio. Euro im Haushalt des Auswärtigen Amtes zur Finanzierung der geplanten multimedialen Dauerausstellung der Gedenkstätte (in Sobibor) eingestellt«. Ob die Mittel inzwischen abgerufen wurden, vermochte das Auswärtige Amt auf jW-Nachfrage in dieser Woche so schnell nicht zu sagen, solche Vorgänge sind kompliziert. Immerhin teilte es mit, dass der deutsche Botschafter in Polen, Rolf Nikel, an der Gedenkveranstaltung in Sobibor an diesem Sonntag teilnehmen werde. Erstmals wird die Gedenkfeier ohne Überlebende stattfinden. Der Umgang mit dem Vermächtnis der Toten liegt jetzt allein bei den Nachgeborenen.


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