Aus: Ausgabe vom 15.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Orientierung im Bilderstreit

Reichtum der Kunst in der DDR: Ein neuer Band mit Essays des Kunsthistorikers Peter Michel. Buchpremiere in der jW-Ladengalerie

Von Andreas Wessel
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»Lebens- und Arbeitswirklichkeit« (von Walter Womacka gestaltetes Fensterbild im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude)

In der DDR spielte die bildende Kunst eine bedeutende Rolle. Der öffentliche Raum war mit Bildwerken reich geschmückt, ein dichtes Netz von Museen, Kulturhäusern und Galerien brachte die Bürger in Kontakt mit Kunst und Künstlern, bis zu 1,1 Millionen Besucher pilgerten zu Kunstschauen in Dresden. Über bildende Kunst wurde im Alltag diskutiert. Die Künstler wurden großzügig mit Aufträgen, Stipendien und Reisen versorgt, ihre öffentlichen Äußerungen (auch die des Unmuts) wurden sehr ernst genommen.

So war es nicht verwunderlich, dass nach dem Anschluss der DDR an den siegreichen Westen der Auftrag, »das SED-System zu delegitimieren« (Klaus Kinkel, 1991), sofort auch auf die Kunst übertragen wurde. Und auch auf diesem Feld des ideologischen Kampfes wurde nicht florettiert, sondern gekeult. Zuerst einmal durften die freiheitlichen Künstler klarmachen, dass sie keine Konkurrenz dulden würden und packten die Moralkeule aus, danach machten sich die Kunstwissenschaftler an die Arbeit und entwickelten die These, dass echte Kunst nur in Freiheit gedeihen könne, »wissenschaftlich« weiter.

Gegen den Furor der »Totalitarismusforscher« zieht der Kunsthistoriker Peter Michel, der gestern seinen 80. Geburtstag feiern konnte, seit nunmehr 28 Jahren unermüdlich als »Gewissenstrommler« ins Feld – mit Sachverstand und Akribie, kühlem Kopf und heißem Herzen. 20 Essays aus den Jahren 1994 bis 2018 (17 davon zuerst in der jungen Welt publiziert) liegen nun in einem handlichen Bändchen vor und geben nach Michels gewichtigen Übersichtsbänden zur DDR-Kunst (»Künstler in der Zeitenwende I«, 2016, und »II«, 2018) eine Orientierung im deutsch-deutschen Bilderstreit.

Die Essays sind hauptsächlich einzelnen DDR-Künstlern wie Willi Sitte (1994), Walter Womacka (2004), Max Lingner (2012), Gottfried Richter (2013), Ronald Paris (2016) und Wolfram Schubert (2017) gewidmet oder beschäftigen sich mit »Nachwende«-Ausstellungen von DDR-Kunst in Dresden (2010), Thüringen (2013, 2014), Berlin (2013), Cottbus (2013), Potsdam (2013, 2017), aber auch dem DDR-Auftritt auf der 6. Documenta 1977 in Kassel (2012). Dass Michel die Kunst der DDR nicht als isoliertes Phänomen betrachtet, bezeugen Texte zu Pablo Picasso (2011), Käthe Kollwitz (2017), Max Beckmann (2018) oder auch zur Ausstellung »Entartete Kunst« von 1937 (2012). International engagierter DDR-Kunst zum Militärputsch in Chile (2013) ist genauso ein Kapitel gewidmet wie dem Kunsthistoriker Peter H. Feist (2015). Das fast 600 Namen umfassende Personenverzeichnis erschließt das große Netz, mit welchem Michel die Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Künstler in der DDR schlaglichtartig einzufangen sucht.

In den jüngsten Texten konstatiert Michel optimistisch eine zunehmende Offenheit und unvoreingenommene Neugier der DDR-Kunst gegenüber – dies ist unzweifelhaft auch sein Verdienst, aber hier ist noch viel Arbeit zu tun. Die kalten Krieger sind keineswegs gewillt, ihre Positionen so einfach zu räumen. Georg Baselitz der seine Ostkollegen 1990 einfach als »Arschlöcher« titulierte, legte kürzlich in einem Interview zu seinem 80. Geburtstag in der Zeit nach und bezeichnete Tübke, Sitte und Mattheuer als »Künstler, die auf dem Müllhaufen liegen. (…) Weil sie schlecht sind, sie haben getäuscht.« Da herrscht immer noch der Ungeist, der es 1999 in Weimar möglich machte, DDR-Kunst in der Anmutung einer nazistischen »Entartete Kunst«-Präsentation zu diffamieren, und auch der »Forschungsverbund SED-Staat« an der Freien Universität Berlin liefert zuverlässig und stetig neue Erkenntnisse zum Grauen der »zweiten deutschen Diktatur«.

»Gewissenstrommler« ist auch ein Auftrag an jüngere Kunsthistoriker, sich mit der Kunst in der DDR in all ihrem Reichtum zu beschäftigen – ohne Scheuklappen und mit Faktenwissen. Leicht wird dies nicht, da sich damit wenig akademische Meriten verdienen und kaum Drittmittel einwerben lassen. Auch hier ruht die Hoffnung auf den wenigen, die wissenschaftliche Redlichkeit vor eine Karriere setzen. Und für die »Alten« heißt es: Haltung bewahren.

Peter Michel: Gewissenstrommler. Essays über bildende Kunst 1994–2018. Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2018, 270 S., 14 Euro

Buchpremiere mit dem Autor morgen, 19 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin-Mitte


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