Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 2 / Inland

»Hier werden alle Probleme auf einmal akut«

Thema Wohnen bringt viele Studierende dazu, politisch aktiv zu werden. Auch Bessergestellte sind betroffen. Ein Gespräch mit Ronja Hesse

Interview: Ralf Wurzbacher
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Auch wenn es schon seit vielen Jahren besteht, ist das Problem mangelnden Wohnraums nach wie vor akut (Freiburg, 17.10.2011)

Ihr Verband hat aktuell die »Herbstnöte«-Kampagne »Lernen am Limit« vorgestellt. Da heißt es, Wohnraum werde »nach seiner ökonomischen Verwertbarkeit ausgerichtet« und nicht an Bedürfnissen von Menschen. Muss man das den Studierenden von heute erst klarmachen?

Die Gesetze des Kapitalismus durchdringen heute praktisch sämtliche Lebensbereiche, Wohnen ist nur einer davon. Das Problem liegt darin, dass Studierende wie viele andere auch mit dieser scheinbaren Notwendigkeit von Kind auf groß geworden sind und es in unserer Gesellschaft eben ein gutes Stück Arbeit ist, das zu hinterfragen.

Ist es also so weit gekommen, dass sie nicht nach Alternativen fragen – nicht nur bezogen auf den Wohnungsmarkt, sondern auch auf andere gesellschaftliche und globale Missstände, etwa Armut, Klimawandel, Krieg?

Ich würde nicht sagen, dass es kein Bewusstsein dafür gibt. Es hakt vor allem daran, etwas dagegen zu unternehmen, sich zu organisieren, sich zu solidarisieren und gemeinsam in Aktion zu treten. Alles in der Überzeugung, etwas an den Verhältnissen ändern zu können. Das hängt aber auch damit zusammen, dass sich viele Studierende in Zwängen befinden, die sich nicht einfach wegreflektieren lassen.

Müssten sich Studierende nicht wenigstens beim Thema Wohnen packen lassen?

Den Eindruck haben wir sehr wohl. Das Problem trifft eigentlich jeden, selbst diejenigen, die sich in eines dieser überteuerten privaten Luxuswohnheime einquartieren. Auch die müssen an anderer Stelle Abstriche machen. Oder nehmen wir Bafög-Bezieher, die für ihr WG-Zimmer in Köln nicht 250 Euro, also den Satz der Bafög-Wohnpauschale, sondern das Doppelte hinlegen und sich dann überlegen müssen, wo das Geld für den Rest herkommt. Hier nehmen Menschen am eigenen Leib Ungerechtigkeiten wahr, die kapitalistische Verwertungsprinzipien mit sich bringen. Das ist ja auch gerade die Intention unserer Kampagne, die Leute da abzuholen, wo sie gerade sind. Und das verbunden mit der Hoffnung, dass es zu ihrer Politisierung beiträgt.

Ist das noch eine Hoffnung oder schon eine konkrete Erfahrung?

Wohnraum ist tatsächlich ein Thema, das derzeit viele Studierende dazu bringt, auf unterschiedlichste Weise aktiv zu werden: durch individuelle kreative Lösungen, durch Proteste, durch gemeinsames Organisieren. Dabei hilft, dass der allgemeine Notstand, speziell auch die studentische Wohnungsnot, momentan viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Das macht den Leuten klar: »Ich bin nicht der einzige, dem es so geht, in derselben Lage befinden sich unzählige mehr.«

Ihre Kampagne dreht sich aber auch um Mängel bei der Studienfinanzierung, um schlechte Studienbedingungen und die Ökonomisierung von Bildung. Wie sieht es an diesen Fronten aus?

Dass Seminare überlaufen sind, die Betreuung unzureichend ist, die Bibliotheksbestände veraltet sind, dass der Arbeits- und Prüfungsstress enorm ist – damit sind Studierende heute vom ersten Tag an konfrontiert, es gehört zur Normalität. Man arrangiert sich damit und macht sich keine Gedanken darüber, dass es auch anders und besser laufen könnte oder dass auch diese Zustände Ausdruck derselben neoliberalen Entwicklung sind, die die Mieten immer weiter in die Höhe treibt. Unsere Kampagne haben wir deshalb ganz gezielt auf den Herbst und den Semesterstart gelegt. Hier werden alle Probleme auf einmal akut und lassen sich zusammendenken als Teil umfassenderer gesellschaftlicher Missstände.

Auch Studierenden, die politisch der AfD nahe stehen, macht die grassierende Wohnungsnot zu schaffen. Sind diese Betroffenen für Sie auch willkommene Mitstreiter?

Ganz bestimmt nicht, zumal in diesen Kreisen ja nicht der Kapitalismus das Problem ist, sondern Flüchtlinge und Migranten, die den Deutschen angeblich die Wohnungen wegschnappen. Wir wehren uns entschieden dagegen, verschiedene Gruppen entlang religiöser, ethnischer oder geschlechtlicher Grenzen gegeneinander auszuspielen. Wer das propagiert, hat bei uns nichts zu suchen.

Ronja Hesse ist Vorstandsmitglied beim »Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften« (FZS), dem bundesweiten Dachverband von verfassten und nichtverfassten Studierendenschaften


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