Aus: Ausgabe vom 11.10.2018, Seite 16 / Sport

Dorfklub war gestern

Klassenziel Play-offs – mindestens: Die Netzhoppers Königs Wusterhausen vor dem Saisonauftakt

Von Oliver Rast
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»Ein globaler Sport« – Schmetterball von Dirk Westphal (Trikotummer 8) am Samstag in Bestensee

Dirk Westphal ist so etwas wie ein Weltenbummler. In Italien, Polen, Frankreich und im Iran schmetterte und blockte der Volleyballer als Außenangreifer. Neuerdings steht der WM-Bronzegewinner von 2014 beim Bundesligisten Netzhoppers Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin unter Vertrag. Ungewöhnliches will der 32jährige daran nicht finden: »Volleyball ist ein globaler Sport«, sagt er im Gespräch mit jW. Das Spielverständnis variiere, klar; Fans in Polen oder im Iran seien lebhafter. »Das pusht dich.« Verliere das Team, fielen aber auch schneller »böse Wörter«.

Am Sonntag startet der Klub gegen die deutsch-österreichische Spielgemeinschaft Tirol Alpenvolleys Haching in die neue Saison, verbale Ausfälle gab es beim letzten Vorbereitungsspiel am vergangenen Samstag nicht. In Bestensee, der Spielstätte der Netzhoppers unweit von KW, wurde die Mannschaft offiziell vorgestellt. Etwa 400 Schaulustige kamen zum freundschaftlichen Vergleich mit Chemie Volley Mitteldeutschland, einem Zweitligisten, der in der abgelaufenen Saison aus finanziellen Gründen auf seinen Erstligaaufstieg verzichtete. Für die Chronisten: Der Erstligist siegte mit 3:1 (25:17, 26:24, 22:25, 25:18).

Vor den großen gläsernen Arenatüren in Bestensee koordinierte am Samstag Teammanagerin Britta Wersinger den Einlass. Kinder schleuste sie an der Schlange vorbei, Erwachsene zahlten drei Euro und bekamen ein Känguruh aufs Handgelenk gestempelt, das Klubmaskottchen. »Wie früher in der Disco«, scherzte ein Fan älteren Semesters. Und sowieso: Der Umgangston ist herzlich, Plausch hier, Schwätzchen da. Alles familiär.

Die Klubgeschäfte führt Arvid Kinder (37). Zehn Jahre, von 2005 bis 2015, spielte er bei den Netzhoppers, vor drei Jahren wechselte er in die Geschäftsstelle. »Als einziger Ostklub in der Bundesliga sind wir ein Aushängeschild«, sagt er gegenüber jW. Der Jahresetat des Klubs liegt bei etwa 500.000 Euro. »Eine stolze Summe für uns in dieser Region.« Zum Vergleich: Die Teams mit Meisterabo, VfB Friedrichshafen und die BR Volleys aus Berlin, verfügen über ein vier- bis fünfmal so großes Budget.

Ein neuer Vertrag mit einem privaten Sport-TV-Kanal soll Geld in die Kassen von Bestensee bringen. Von einer Million Euro ist die Rede. Was bleibt davon bei den Vorstädtern hängen? Kinders Antwort überrascht: »In bar null.« Wie das? Man benötige das Geld, um die Spielübertragungen technisch und personell realisieren zu können. Den TV-Vertrag findet Kinder trotzdem »sehr positiv«, Vermarktungschancen könnten steigen.

Wiederholt sind die Netzhoppers im Oberhaus in die Play-offs der besten acht eingezogen. In der vergangenen Saison patzte das Team, landete auf Platz neun – »das wurmt uns schon«, sagt Kinder und verzieht Monate danach noch die Mundwinkel. »Das Erreichen der Play-offs ist diesmal unser festes Ziel.« Insgeheim schielt er auf Platz sechs. »Damit würden wir in den Play-offs zunächst den beiden Spitzenteams aus dem Weg gehen.« Im übrigen plädiert er für eine Aufstockung der Liga um zwei bis vier Teams, mit Play-downs. »Abstiegskämpfe können richtig spannend sein.«

Netzhoppers-Coach Mirko Culic (55) ist im zehnten Jahr im Amt. »Auch Trainer brauchen viel Kondition«, sagt er und schmunzelt. 260mal lief er im jugoslawischen Nationaldress auf. Als 1991 der Krieg ausbrach, kam er nach Deutschland, wurde Zuspieler beim Moerser SC und beim SCC Berlin. Nach der Karriere auf dem Feld folgte die an der Seitenlinie. 2003 und 2004 holte er mit dem SCC den deutschen Meistertitel. Seine größten Trainererfolge.

Die Netzhoppers gelten als Sprungbrett für deutsche Nachwuchsspieler. Das solle auch so bleiben, betont Kinder und nennt Theo Timmermann und Levin Gust. Ersterer ist als Außenspieler gesetzt, letzterer Ersatz für den erfahrenen Libero Kamil Ratajczak. Beide bringen als gebürtige KWer Lokalkolorit ins Team. Aber wieviel Zeit bekommt ein 19jähriger wie Gust in der höchsten deutschen Spielklasse? »Ohne großen Druck soll er sportlich reifen«, sagt sein Trainer, merkt dann an: »Er muss zeigen, dass er in ein, spätestens zwei Jahren in der Lage ist, Kamil zu ersetzen.«

Westphal ist Culics Führungsspieler, »ein Geschenk für jeden Trainer«. Das kann auch eine Last sein, wie der Neuzugang bestätigt: »Immer die helfende Hand zu sein, ist nicht nur Spaß.« Youngsters aus dem Verein, Legionäre aus Kanada und Routiniers – Culic ist überzeugt, der Teammix stimmt.

Für das letzte Testspiel hätte sich Culic einen hochkarätigen Kontrahenten gewünscht, »mit mehr Spielhärte«. Das klappte terminlich nicht. Mit dem Vorbereitungswochenende ist er dennoch sehr zufrieden. Trainingseinheiten, Testspiel, Videoanalysen des ersten Gegners, und das alles zwei Tage lang abgeschottet in einem Hotel – »perfekt«, so Culic. Er will mit seiner Truppe weg vom Underdog-Image: »Wir sind kein Dorfklub, der nur zu Hause stark ist.« Auch Weltenbummler Westphal ist vom Kader überzeugt: »Wir können in dieser Saison viel reißen.«


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