Aus: Ausgabe vom 11.10.2018, Seite 15 / Medien

Mordkomplott im Konsulat?

Vermisster Journalist: Saudi-Arabien will Untersuchungen in Istanbuler Vertretung zulassen

Von Gerrit Hoekman
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Protestaktion vor dem Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul am Dienstag

Wo ist Dschamal Chaschukdschi? Am Dienstag vor einer Woche ging der im Exil lebende und unter seinem anglisierten Namen Jamal Khashoggi schreibende regierungskritische Journalist aus Saudi-Arabien auf das Konsulat seines Landes in Istanbul. Er benötigte Papiere für seine bevorstehende Heirat. Seitdem ist Chaschukdschi verschwunden. Die türkische Polizei geht davon aus, dass er im Konsulat Opfer eines Mordkomplotts wurde.

Saudi-Arabien weist den Vorwurf mit Nachdruck zurück. Der Journalist habe das Konsulat unversehrt verlassen. Dumm nur: Eine der zahlreichen Überwachungskameras zeigt zwar, wie Chaschukdschi das Gebäude gegen 13 Uhr betritt, aber nicht, wie er wieder herauskommt. Er habe einen Hinterausgang benutzt, so das Konsulat.

Tagelang spielten die Saudis auf Zeit. Dann die überraschende Wendung: »Die saudischen Behörden haben uns wissen lassen, dass sie zur Kooperation bereit sind und dass eine Untersuchung im Konsulatsgebäude stattfinden kann«, teilte ein Sprecher des türkischen Außenministeriums am Dienstag laut TV-Sender Al-Dschasira mit.

Fraglich ist, ob die türkische Spurensicherung noch viel finden wird. Auch dem saudischen Geheimdienst dürften die gängigen Methoden der Tatortreinigung bekannt sein. Hatice Cengiz, die Verlobte des Journalisten, die vor dem Konsulat vergeblich auf ihn wartete, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: »Ich glaube nicht, dass er ermordet wurde«, twitterte sie am Sonnabend.

Chaschukdschi, früher Direktor der saudischen Tageszeitung Al-Watan, lebt seit einem Jahr im Exil in den USA. Er schreibt bissige Kommentare für die Washington Post, in denen er den Krieg im Jemen verdammt und die saudische Politik gegenüber Katar kritisiert. Sollten sich die bisherigen Berichte über Chaschukdschis Tod bestätigen, »ist dies wahrhaft schockierend«, kommentierte die UN-Menschenrechtssprecherin Ravina Shamdasani laut der Deutschen Welle am Dienstag. Vor dem Konsulat finden sich seit einigen Tagen regelmäßig Aktivisten ein, die Aufklärung verlangen. Viele Journalisten sind darunter. »Ständig verschwinden in den autoritären Ländern des Mittleren Ostens Leute. Wenn wir nicht reagieren, können wir die nächsten sein«, sagt ein Kollege aus Ägypten gegenüber Al-Dschasira.


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