Aus: Ausgabe vom 11.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Sternstunde Kunstmarktkrise

So klug wie amüsant: Ein neuer Band mit Wolfgang Müllers Essays

Von Matthias Reichelt
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So sehen Schleckermäuler aus! Wolfgang Müller 1995

Manch engstirnige Lehrer in der Schule haben die interessantesten Aufsätze mit dem Verdikt »Thema verfehlt« bewertet. Oft disqualifizierten sie sich damit selbst, denn Texte, die größere Umwege nehmen, Abschweifungen zulassen, ungewöhnliche Perspektiven einnehmen und den Kontext erweitern, um sich dann auf der Zielgeraden dem eigentlichen Thema zu nähern, gehören zu den interessantesten. Wolfgang Müller leistet mit seinen Essays unter dem Titel »Aus Liebe zur Kunst« ähnliches, denn den Lesern wird hier nicht eine Auswahl von Rezensionen oder Kritiken im engeren Sinne geboten, sondern ihn erwarten unkonventionelle Beobachtungen zum Kunstbetrieb mit Mut zum dezidierten Urteil. Die Gattungsbezeichnung Essay ist deshalb mit Bedacht gewählt. Vielleicht können die Leser wie der Rezensent nicht in allen Ansichten Wolfgang Müller folgen, aber sein Stil, sein Humor und seine vielfältigen Referenzen machen die Lektüre kurzweilig und amüsant.

Wenn Müller dem so oft verächtlich gemachten Joseph »Jupp« Beuys gegen die vorherrschende Meinung Ironiefähigkeit bescheinigt und die Legende von der Rettung des Wehrmachtspiloten durch Tataren mit Fett und Filz als bewusste Kontrastierung der antikommunistischen Russophobie im Kalten Krieg interpretiert, so ist das eine hochinteressante Deutung. Überhaupt lenkt Müller die Aufmerksamkeit weg von den skulpturalen Arbeiten Beuys’ hin zu den filigranen Tuschezeichnungen und den performativen und politischen Aktionen. Die rechtfertigen viel eher dessen Bedeutung für die Gegenwartskunst als die Fettakkumulationen, die immer wieder neuer Restaurierung unterzogen werden müssen und recht nichtssagend sind. Anlass für Müllers Beuys-Betrachtung war die große Titelstory »Der ewige Hitlerjunge«, die Beat Wyss 2008 in dem Kunstmagazin Monopol veröffentlicht hatte.

Wolfgang Müller ist selbst Teil des untersuchten »Biotops« Kunst, das stark von Eitelkeit geprägt ist und trotz aller Gesellschaftskritik und politischer Kunst in einem Dilemma steckt. Denn die Künstler verkörpern in ihrer Rolle den kapitalistischen und neoliberalen Geist in Gestalt des »Neoindividualismus« bestens und sind auf Selbstvermarktung mit Ellbogeneinsatz geeicht. Dem zu entkommen ist schwer, und es gelingt nur wenigen. Müller spart nicht mit analytischer Kritik und kann dabei immer auch aus dem »Nähkästchen« plaudern.

Aufschlussreich ist der knappe Text zu dem Netzwerk um Jutta Koether. Als Einstieg dient ihm die Anekdote von einer gescheiterten Kontaktaufnahme zu der Künstlerin bei einer Gruppenausstellung im Kunstverein München. Sie reagierte auf Müller mit blasierter Arroganz, machte nur »pfft« und hob die Augenbraue. Koether konnte noch nie etwas mit dem Humor von Müller und dessen Gruppe Die Tödliche Doris anfangen. Doch anstatt sich an ihr abzuarbeiten, weitet Müller den Blick auf die sich als kritisch gerierende Zeitschrift Texte zur Kunst und zitiert genüsslich die alleinige Herausgeberin und Chefredakteurin Isabella Graw, die Kunstmarktkrisen als Sternstunde der Kritik sieht. Müller: »Wäre Texte zur Kunst tatsächlich kritisch, würde sie in der Krise nicht mit Krise titeln, sondern während des Hypes.« Touché! Übrigens behauptet derzeit das Museum Brandhorst in München, um Hypertrophie nicht verlegen, über Koether, dass »kaum eine andere Künstlerin unser Verständnis von Malerei und von der Kulturlandschaft seit den 1980er Jahren so entscheidend geprägt« habe. So gut funktioniert das Netzwerk.

In einem anderen Beitrag mokiert sich Müller über Timm Ulrichs’ Hang, überall Plagiatoren zu erkennen. Zwar ähneln viele Werke jüngerer Künstlerinnen und Künstler Ulrichs’ Arbeiten verblüffend, was den Konzeptkünstler mit Recht ärgern mag. Doch etwas Großmut und Gelassenheit wären angebrachter als sein ewiges Klagen.

Das Erkenntnisinteresse des Autors ist schier unbegrenzt: Der Band versammelt Texte über so unterschiedliche Themen wie Arno Schmidt, die 6. Berlin-Biennale und Kreuzberg, Damien Hirst und Bernard Buffet sowie die Flick Collection. Müllers Neugierde und Lust am Kommentar machen sie alle gleichermaßen lesenswert.

Wolfgang Müller: Aus Liebe zur Kunst. Essays. Verbrecher-Verlag, Berlin 2018, 168 Seiten, 16 Euro


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