Aus: Ausgabe vom 10.10.2018, Seite 15 / Antifa

»Sei tapfer heute«

Vor 75 Jahren wurden in den »Plötzenseer Blutnächten« in Berlin 250 Häftlinge ermordet

Von Carmela Negrete
Gedenktafel für Käthe und Felix Tucholla am Haus Kaskelstr. 41
Gedenktafel für Käthe und Felix Tucholla am Haus Kaskelstr. 41

An die Antifaschisten Felix und Käthe Tucholla sowie Kurt Bietzke haben am 29. September die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) und das Bezirksamt Lichtenberg erinnert. Vor 75 Jahren waren die drei Widerstandskämpfer von den Nazis in Berlin-Plötzensee ermordet worden. Sie waren im Widerstand aktiv gewesen – ihre Verbrechen waren das Verteilen von Flugschriften sowie Hilfe für Genossen, die untertauchen mussten. Der Ehrenvorsitzende der VVN-BdA, Hans Coppi, erzählte an der Gedenktafel vor dem ehemaligen Wohnhaus von Käthe und Felix Tucholla in der Kaskelstraße 41 in Berlin-Lichtenberg die Geschichte des Ehepaares, das sich vor der Machtübernahme der Nazis im Arbeitersportverein »Sparta Lichtenberg« kennengelernt hatte. Felix Tucholla, geboren 1899, war ehrenamtlicher Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und gelernter Schlosser. Käthe Tucholla, 1910 als Käthe Scheffler geboren, arbeitete als Sekretärin und unterstützte die KPD.

In der Illegalität unter den Nazis besorgte das Ehepaar Übernachtungsmöglichkeiten für Erwin Panndorf, der im Spanischen Bürgerkrieg als Interbrigadist auf der Seite der Republik gekämpft hatte und nach Deutschland kam, um als Instrukteur der KPD zu arbeiten. Die Tuchollas und Kurt Bietzke gehörten der Widerstandsgruppe um Robert Uhrig an. Sie beschafften konspirative Wohnungen, gefälschte Papiere und Lebensmittelkarten für Gegner des Naziregimes. Die Gruppe wurde aufgedeckt, ihre Mitglieder verhaftet und zum Tode verurteilt.

Während der »Plötzenseer Blutnächte« zwischen dem 7. und 12. September 1943 wurden die Männer ermordet. Käthe Tucholla wurde einige Tage später ebenfalls erhängt. Insgesamt rund 250 Häftlinge wurden in diesen Tagen hingerichtet. Erwin Panndorf war zu diesem Zeiptunkt längst aufgeflogen und im Dezember 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden. Hans Coppi verlas zum Gedenken den letzten Brief von Käthe Tucholla: »Liebe Mama, sei tapfer heute. Ich bereue nichts. Mein Leben war reich. Sei stark, wie ich es bin. Ich habe mein Leben den Leiden der Menschheit gewidmet.«

Coppi ging auf aktuelle Entwicklungen rund um die AfD und ihre »Kehrtwende in der Erinnerungskultur« ein und erinnerte an die Worte des AfD-Fraktionschefs im Bundestag, Alexander Gauland, der die Nazizeit als »Vogelschiss« in der großen deutschen Geschichte bezeichnet hatte. Für Coppi verschiebt sich der »Diskurs über den Nationalsozialismus weiter nach rechts«. In Chemnitz und Köthen seien AfD-Anhänger nicht in Trauer um die Opfer von mutmaßlicher Migrantengewalt marschiert, sondern Seite an Seite mit Neonazis, die dann Migranten gejagt, ein jüdisches Restaurant überfallen und Angst und Schrecken verbreitet hätten. Der Verfassungsschutz sei auch nicht mehr vertrauenswürdig, hob Coppi hervor. Dann warf er die Frage in den Raum: »Wer, wenn nicht wir und viele mehr, muss dieses Land vor diesen Verbrechern verteidigen?«

Der Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg, Rainer Bosse, fügte hinzu, es sei keine Ausnahmeerscheinung mehr, »dass in Deutschland wieder selbstverständlich der Hitlergruß gezeigt wird«. Der Rechtsentwicklung müsse man sich entgegenstellen, »und dazu gehört zu erinnern, dass der Widerstand in kleinen Dingen und großen Handlungen Mut erfordert, der das eigene Leben kosten kann«.

Der Musiker Olaf Ruhl spielte auf seinem Akkordeon Lieder der antifaschistischen Arbeiterbewegung vor den rund 30 Menschen, die an der Veranstaltung teilnahmen. Die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Die ­Linke) und andere legten Blumen an der Gedenktafel nieder. In Berlin wird an die Antifaschisten seit den Umbenennungen 1951 auch mit dem Tuchollaplatz in Rummelsburg und der Bietzkestraße in Friedrichsfelde erinnert.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Antifa
  • Knapp 200 Ermittlungsverfahren richten sich gegen Teilnehmer der Dresdner Pegida-Aufmärsche
    Markus Bernhardt