Aus: Ausgabe vom 10.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Das kennen sie gut

Labore, Knäste und Tintenfischpasta: »Venom«, der nächste Superheldenfilm

Von Peer Schmitt
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»Mag Innereien und Meeresfrüchte«: Venom

Große Not herrscht bei allen, die noch nicht zum Disney-Imperium und seinem Marvel Cinematic Universe gehören. Was bloß sollen sie in ihren Filmen zeigen, was gibt es entgegenzusetzen, wen soll es angehen? Die neue Produktion der Firma Sony ist ein Spider-Man-Film ohne Spider-Man, ein Spin-off mit dem Titel »Venom«, gemacht von »Zombieland«- und »Gangster Squad«-Regisseur Ruben Fleischer.

Venom, der fleischfressende Alienparasit (der auf den Begriff »Parasit« allerdings empfindlich bis cholerisch reagiert, er bevorzugt den freundlicheren Begriff »Symbiont«), gab in »Spider-Man 3« (2009) das böse Gothic-Alter-Ego des Superhelden. In der Comicvorlage bot er sich dem noch in Gestalt eines dunklen Kostüms als Symbiont an. Von der Spinne zurückgewiesen, wurde er zu deren Todfeind. Sein menschlicher Wirtskörper wurde der depressive, erfolglose und nicht immer ganz lautere investigative Journalist Eddie Brock. Der hungrige Alien und der suizidale Loser. Da hatten sich zwei gefunden.

»Venom«, der Film, beginnt vielversprechend. Die Alienparasiten fallen diesmal vom Himmel. Ursächlich ist ein Unfall in der Raumforschung. Milliardär und Mad Scientist Carlton Drake (Riz Ahmed) – ziemlich eindeutig eine Elon-Musk-Figur, hier allerdings aus indisch-britischem, nicht aus südafrikanischem Elternhaus – hat nach Aliens suchen lassen. Er ist sozusagen Transhumanist, träumt von der Eroberung des Weltraums und arbeitet zu diesem Zweck an der Symbiose zwischen Alien und Mensch. Leider ist sein Raumschiff abgestürzt, weshalb die Aliens nicht nur sein Labor bevölkern, sondern auch den Großraum San Francisco. Bevor er mit unheilvollen Menschenversuchen beginnt, zerstört der Mad Scientist noch die Karriere des Journalisten Brock (Tom Hardy), der ein dann doch zu kritisches Interview hatte führen wollen. Der Journalist verliert seinen Job, seinen Ruf, seine Lebensfreude und seine Freundin (Michelle Williams). Als neuen Lebenspartner bekommt er statt dessen Venom, den Alien.

Für sich ist der Alien zunächst nichts als ein schwarzer Fleck, ein Organ ohne Körper, das aussieht wie eine Portion Tintenfischpasta. Das Organ (noch) ohne Körper, das sich potentiell in so ziemlich alles verwandeln kann – eine Phantasie digitaler Animation. Mit einem Wirt kommt die lebende Pasta dann zu sich selbst, wird zum reptilienartigen Vieh mit spitzen Zähnen, gewaltiger Zunge, einem Namen, einer Stimme und, wie gesagt, stetig großem Hunger. Venom mag Innereien und Meeresfrüchte (kulinarische Vorlieben, die ich teile). Er mag sein Futter frisch und roh, und er vermag es, seinem Hunger persuasiven Nachdruck zu verleihen: »Food!« hallt der Fütterungsimperativ tief aus dem, wenn man so will, Inneren der Welt, das sich im schwer zu lokalisierenden grollenden Sprechen entäußert.

Im Idealfall hätte »Venom« die schwarze Komödie des inneren Zwiegesprächs zwischen einem exemplarischen Zyniker und seinem Fresstrieb – dem bedrohlichen Wahnsinn – werden können. Nebenbei auch ein Film über die Korruption der Medienkonzerne, die Macht der Straße und die Wohnungsnot (in San Francisco und allgemein), nicht zuletzt auch über das Verhältnis zwischen Mensch und Alien, Wirt und Parasit – die Setzung des neuen, symbiotischen Selbstbewusstseins durch Anerkennung des Fremden, anderen. Statt dessen ist ihnen wieder wenig mehr eingefallen als eine Autoverfolgungsjagd, ein Raketenstartcountdown und ein Zweikampf zwischen zwei großen Portionen Tintenfischpasta.

Die Superheldenfilme interessieren sich selten für die Räume, die sie eröffnen, und nur wenig für die Städte, deren Panoramen sie zeigen, deren Straßen sie verwüsten. Das liegt an ihren Produktionsbedingungen und Marketingstrategien. Die Programmierer in ihren Zellen gestalten vorzugsweise Labore und Knäste. Das kennen sie gut.

Dennoch handeln diese Filme von Verletzungen (Kopf abbeißen), Grenzverletzungen, Entgrenzungen. Entwürfe, der lausigen Beschränktheit des eigenen Formats zu entkommen, werden in die Schranken gewiesen, in die Tonne geworfen. »Venom« ist ein zurechtgestutzter Film, und Hauptdarsteller Tom Hardy hat sich in der Öffentlichkeit genau darüber auch schon beklagt.

»Venom«, Regie: Ruben Fleischer, USA 2018, 112 min, bereits angelaufen


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