Aus: Ausgabe vom 10.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Gepackt werden (und packen)

Vom sinnlosen Denkmalspferd zur Erkenntnis: Alban Bergs »Wozzeck« an der Deutschen Oper Berlin

Von Kai Köhler
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»Widerspiel von Nähe und Ferne«

Als Georg Büchner 1837 starb, hinterließ er das Dramenfragment »Woyzeck«. Die Titelfigur ist ein Soldat, der seine Geliebte Marie und den gemeinsamen Sohn mit Hilfe etlicher Nebentätigkeiten versorgt. Ständig abgehetzt, leidet er unter Verfolgungsvisionen – vielleicht auch, weil ein Arzt ihn für wenige Groschen zu medizinischen Experimenten missbraucht und er wochenlang nur Hülsenfrüchte essen darf. Als Marie ihm untreu wird und sein Konkurrent, der brutale Tambourmajor, ihn verhöhnt, bringt Woyzeck die Frau um.

Die kurzen Szenen des Fragments fordern geradezu eine Ergänzung durch Musik heraus. 1914–21 schrieb Alban Berg seine Oper mit dem damals gängigen Titel »Wozzeck« (ein Lesefehler, Büchners Handschrift war grauenhaft). Im ersten Jahrzehnt der musikalischen Moderne waren überkommene Regeln bis zum äußersten geweitet, neue noch nicht gefunden. Berg schuf eine Musik von großer Expressivität, die nur stellenweise die traditionelle Harmonik anklingen lässt, aber nicht zerfließt. Jede der 15 kurzen Szenen ist formal streng abgesichert.

Im Stück geht es vielfach um Geld. Man hat gestritten, ob die Emotionalisierung durch Musik vom sozialen Inhalt ablenkt oder ihn verstärkt. Immerhin durchzieht das Viertonmotiv, das zu den Worten »Wir armen Leut’« erklingt, als eine Art Leitfaden erkennbar die Komposition. Das ist noch keine Gesellschaftsanalyse; indessen leistet die Musik eine mikroskopische Darstellung von Formen der Gewalt. Zu singen braucht mehr Zeit als zu sprechen, und erst in der Oper wird das sehr dicht formulierte Fragment wirklich bühnenfähig.

Trotz der Ansprüche, die Bergs Komposition stellt, ist sie darum ins Repertoire eingegangen. Leider suchen bei Repertoireopern die Regisseure neue Ideen; und weil die meisten der sinnvollen schon verbraucht sind, bleiben oft nur die sinnlosen. Gleich anfangs rasiert Wozzeck seinen Hauptmann (Nebentätigkeit eins), der ihn gleichzeitig demütigt. Ein in seiner Widersprüchlichkeit ungeheurer szenischer Einfall Büchners: Der Bedienstete hat, aufgrund seiner Arbeit, das Messer an der Kehle des Herren. Zu machen, was dasteht, wäre trivial – also sieht man das nie. An der Deutschen Oper Berlin lässt Ole Anders Tandberg den Hauptmann jetzt – Premiere war am 5. Oktober – auf einem sinnlosen Denkmalspferd sitzen und Wozzeck eine Schamhaarrasur bei sechs aufgereihten Männern betreiben.

Was derart dumm anfängt, kann nur noch besser werden. Obwohl Tandberg auch im Folgenden von Blödeleien nicht lässt, wird es überraschenderweise viel besser. Maßgeblichen Anteil daran hat der von Erlend Birkeland gestaltete Bühnenraum, ein in klaren Linien gehaltenes, sehr geräumiges Café, das zunächst zu groß wirkt. Schließlich ist im Werk die soziale Enge wichtig: Wozzeck wird noch von Herren kleingemacht, die ihn persönlich kennen – die Anonymität des Kapitalismus folgt später.

Doch erlaubt die Bühne ein Widerspiel von Nähe und Ferne. Die Figuren können in Sex-, Prügel- und Mordszenen einander berühren, anderenfalls aber auch in äußerster Distanz verharren. Wozzeck kann gepackt werden (und packen), aber in seiner Verrücktheit auch ganz allein einer mitleidlosen Gemeinschaft gegenüberstehen. Wenigstens passagenweise gewinnt Tandbergs Personenführung in diesem Raum eine große Qualität.

Johan Reuter als Wozzeck unterstützt dies durch überzeugendes Spiel, sanglich durch Textverständlichkeit und klare Intonation. Elena Zhidkova stellt eine emanzipierte Marie dar, die sich nimmt, was sie will. Ganz nach Lustprinzip und ohne jede Reue. Überdeutliche Gestik und Grobheit auch bei leisen Stellen lassen die Figur eindimensional wirken. Seth Caricos kraftvoll gesungener Doktor entgeht der Gefahr einer Karikatur und wirkt darum um so bedrohlicher. Der Tambourmajor Thomas Blondelles ist rollengemäß platt auftrumpfend.

Dirigent Donald Runnicles hebt das Emotionale, Klangsinnliche der Partitur bis hin zur Klangmalerei hervor. Das Analytische tritt zurück, in reizvollem Kontrast zu dem kühlen Raum, in dem Tandberg Gewaltverhältnisse seziert.

Nächste Vorstellungen: heute und Sa., 19.30 Uhr; 19.10., 18 Uhr


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