Aus: Ausgabe vom 10.10.2018, Seite 5 / Inland

Keine Fahne im Wind?

Gewerkschaftsnahes Institut rechnet auch für 2019 mit »moderatem Aufschwung«. Binnennachfrage immer wichtiger

Von Nico Popp
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Keine schlaflosen Nächte wegen des »Fachkräftemangels«: IMK-Direktor Gustav Horn

Derzeit mehren sich die Stimmen aus dem Unternehmerlager, die eine spürbare konjunkturelle Abkühlung in Aussicht stellen. BDI-Präsident Dieter Kempf verband diese Prognose vor zwei Wochen mit der Forderung nach einer Senkung der Unternehmenssteuern (jW berichtete). Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung rechnet dagegen mit einer Fortsetzung des »moderaten Aufschwungs« der deutschen Wirtschaft. Die Konjunkturprognose des IMK wurde am Dienstag in Berlin vom wissenschaftlichen Direktor des Instituts, Gustav Horn, vorgestellt.

Demnach lasse das Wachstumstempo im laufenden Jahr zwar etwas nach, stabilisiere sich 2019 aber wieder: Das Bruttoinlandsprodukt nimmt nach Berechnungen des IMK im Jahresdurchschnitt 2018 um 1,9 und 2019 um zwei Prozent zu. Damit senkt das Institut seine Prognose vom Juni nur geringfügig ab (minus 0,2 Prozent für das laufende, minus 0,1 Prozent für das nächste Jahr).

Die Wirtschaftsentwicklung werde dabei, so Horn, angesichts wachsender weltwirtschaftlicher Risiken vor allem von den privaten Verbrauchsausgaben im Inland getragen: Die Bundesrepublik sei »weiterhin exportorientiert«, aber »nicht mehr die Fahne im Wind der Weltkonjunktur«. Die aktuelle Aufschwungphase unterscheide sich von ähnlichen Konjunkturperioden der vergangenen drei Jahrzehnte. Sie verlaufe weniger dynamisch, dafür aber wegen der »wechselseitigen Verstärkung von Löhnen und Beschäftigung« deutlich stabiler. Das zeige, dass eine ausgewogenere Verteilung der Einkommenszuwächse nicht nur »gerechter«, sondern auch »ökonomisch sinnvoll« sei. Eine stabile Binnennachfrage sei auch deshalb besonders wichtig, »weil die weltweiten Rahmenbedingungen im Moment extrem sind«: »Einerseits kräftiges Wachstum und niedrige Zinsen in vielen Ländern. Andererseits Trump, Brexit, steigende Ölpreise.«

Der allgemeine Trend am deutschen Arbeitsmarkt sei positiv; hinzu komme, dass sich die Investitionstätigkeit, das »Sorgenkind« der vergangenen Jahre, belebe. »Auch wenn die Dynamik zeitweilig nachlässt: Der laufende Aufschwung ist intakt, und wir haben gute Aussichten darauf, dass er der längste im vereinigten Deutschland wird«, sagte Horn. Für 2019 erwartet das IMK ein Rekordniveau bei der Erwerbstätigkeit. Erstmals würden im Jahresdurchschnitt mehr als 45 Millionen Menschen in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Erwerbslosenzahl könnte nach den Berechnungen des Instituts im Jahresdurchschnitt auf etwa 2,23 Millionen Menschen sinken.

Die Schere zwischen den Einnahmen und den Ausgaben von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen wird dabei weiter offenbleiben. 2018 werde es hier einen Einnahmeüberschuss von 56 Milliarden Euro, 2019 von knapp 51 Milliarden Euro geben. Diese Mehreinnahmen sollten, so das IMK, nicht für Steuersenkungen, sondern für öffentliche Investitionen verwendet werden. Sinnvoll seien etwa Ausgaben für die öffentliche Verkehrsinfrastruktur und im Bildungsbereich, etwa um zu verhindern, dass ganze »Bevölkerungsgruppen wegen mangelnder Fähigkeiten den Zugang zum Arbeitsmarkt verlieren«.

Eine Grundlage der Prognose des IMK ist die Annahme, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China nicht so weit eskaliert, dass die Wirtschaft in beiden Ländern einbricht. Außerdem wird davon ausgegangen, dass es keinen »harten« Ausstieg Großbritanniens aus dem Binnenmarkt der EU geben wird, sondern eine Verständigung erfolgt, die dem Land zumindest kurz- und mittelfristig einen Status ähnlich dem von Norwegen oder der Schweiz einräumt.

Das von der Kapitallobby als Hauptrisiko für die konjunkturelle Entwicklung ausgemachte Thema »Fachkräftemangel« bereite ihm, so Horn auf Nachfrage von jW, dagegen keine schlaflosen Nächte. Richtig sei, dass die Menschen nicht mehr in langen Schlangen nach einem Arbeitsplatz anstünden. Und das sorge bei einzelnen Unternehmern eben für Alarmstimmung.


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