Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Unvollendeter Aufstand

Gedenkorte der Revolution 1918/19 (7/12): Pankow/Marzahn

Von Dr. Seltsam
Grabmal für Albin Köbis und Max Reichpietsch in der Luftwaffenka
Grabmal für Albin Köbis und Max Reichpietsch in der Luftwaffenkaserne Köln-Wahn

In der Schulzestraße 36 in Berlin-Pankow findet sich eine Gedenktafel für Albin Köbis, einen der aufrührerischen Matrosen, die 1917 in der deutschen Hochseeflotte eine Antikriegsbewegung organisierten. Köbis war in der Chausseestraße 16 aufgewachsen, 1912 trat er in die Marine ein. Als Heizer auf der SMS »Prinzregent Luitpold« war er 1917 an Streiks gegen schlechte Verpflegung und Urlaubsstreichungen beteiligt und nahm auch an einer Versammlung von Vertrauensleuten mehrerer Schiffe teil. Zu denen gehörten u. a. Max Reichpietsch, Hans Beckers und Willy Sachse. Köbis und Reichpietsch wurden am 5. September wegen »vollendeten Aufstands im Kriege« hingerichtet, ihre Gräber befinden sich im Sicherheitsbereich der Luftwaffenkaserne Köln-Wahn. Welch schmähliches Gedenken! Nach Albin Köbis hießen die Staatsyachten der DDR-Regierung, und auch ein Segelschiff, das jeden Sommer auf der Ostsee Fahrten für die junge Welt unternimmt, trägt seinen Namen. Nach Max Reichpietsch wurde immerhin das Reichpietschufer vor dem Bendlerblock benannt, etwas versteckt zweigt die Köbisstraße ab. Das Schicksal dieser bewunderungswürdigen Männer zeigt, dass es für jede revolutionäre Bewegung Vorgänger gibt, die ihre unerträglichen Existenzbedingungen ändern wollen – sie wissen nie, ob sie erschossen werden oder die Revolution auslösen, in jedem Fall erfordert das mehr Mut, als in den Krieg zu ziehen.

Auf dem Marzahner Parkfriedhof, Wiesenburger Weg 10, findet sich ein Grabstein für die Brüder Gast – Matrosen, die von Freikorpssoldaten ermordet wurden. In Weißensee, Romain-Rolland-Straße am Übergang zur Rennbahnstraße, steht ein Gedenkstein für mehrere Arbeiter, die 1919 von Soldaten erschossen wurden. Die »Blutmauer« in der Möllendorfstraße in Lichtenberg ist ein Denkmal zur Erinnerung an Opfer der Märzmassaker 1919. In der Kreuzberger Bergmannstraße liegt ein Friedhof neben dem anderen, Nummer IV enthält das Grab von Paul Wieczorek, dem ermordeten ersten Kommandeur der Volksmarinedivision. Auf dem Friedhof der Märzgefallenen von 1848, Ernst-Zinna-Weg in Friedrichshain, wurden ebenfalls ermordete Arbeiter aus den Revolutionskämpfen 1918 beerdigt. Die genaue Zahl und Namen aller Opfer der vom »Bluthund« Gustav Noske (SPD) befohlenen Massaker wurden nie erfasst, es fehlt immer noch eine zentrale Gedenkstätte für die deutsche Revolution 1918/19. Das ist kein Wunder, denn eine solche könnte man wohl nicht errichten, ohne auf die konterrevolutionäre Rolle von Reichspräsident Friedrich Ebert und Noske zu erwähnen, was deren SPD bis heute zu verhindern weiß.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Nach russischem Vorbild Deutschlands unvollendeter Bruch mit der alten Ordnung

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton