Aus: Ausgabe vom 09.10.2018, Seite 8 / Ansichten

Himmelfahrtskommando

Bolsonaros Wegbereiter

Von Peter Steiniger
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T-Shirts mit dem Konterfei des brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro (6. Oktober 2018, Brasilia)

Brasiliens sogenannte Eliten haben ihre Wahl getroffen: Der Feind steht links, Demokratie wird überbewertet. »Ist das wirklich das, was Sie wollen?« lautet die rhetorische Frage auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitschrift Istoé. Mit mehreren hunderttausend Exemplaren kam sie am Vortag der Wahl an Brasiliens Kioske. Auf schwarzem Hintergrund ist nur das Gesicht von Fernando Haddad zu sehen, und in ein dunkles Licht tauchen ihn auch die zugehörigen Schlagzeilen. Der Kandidat, der in den Umfragen zulege, heißt es, sei »ein Champion bei Problemen mit der Justiz«, es gebe »Dutzende Anklagen« gegen ihn. Als Amtsträger soll der frühere Bildungsminister und Bürgermeister von São Paulo »desaströs«gewesen sein, wird behauptet. Haddads mögliche Wahl zum Präsidenten Brasiliens solle »das Modell von Unterschlagungen und Korruption der Arbeiterpartei« aufrechterhalten und eine Gruppe wieder zurück an die Macht bringen, die »Brasilien in die tiefste Krise der Geschichte gestürzt« habe. »Ist das wirklich das, was Sie wollen?«

Der PT-Politiker, der von Lula den Stab übernahm, bekommt nun das auf ihn konzentrierte Feuer der konservativ beherrschten Medien zu spüren. Globo darf dabei natürlich nicht fehlen. Im Vergleich zu den Verleumdungen und Falschmeldungen, mit denen das Marketing des ultrarechten Trump-Nachahmers die sozialen Netzwerke überflutet, dominieren hier noch die feinen Methoden. Aber die Hetze der Faschisten kann bei dem Feindbild anknüpfen, das unter dem heuchlerischen Deckmantel, die Korruption im Land bannen zu wollen, aufgebaut wurde. Die Polarisierung der Gesellschaft wurde vorangetrieben, um den Wahlausgang von 2014 zu revidieren und die Arbeiterpartei von der Macht zu verdrängen. Das ist geschehen, mit desaströsen Folgen für die Gesellschaft. Denn die Krise dauert an, die Korruption sowieso, in den Städten lebt es sich gefährlich. Dieses System bringt es nicht, denken viele. Die Zauberlehrlinge aus dem bürgerlichen Lager haben die ohnehin schwache Demokratie unterminiert. Nun gehen die Bomben hoch. Besonders die Mittelschichten laufen zu dem über, der autoritäre Lösungen verspricht. Die neoliberale Gehirnwäsche hat nicht nur ihnen über Jahre eingeimpft, dass gut ist, was den Märkten gefällt. Das Kapital hat auf ihn gezeigt, die Börse bedankt sich für den Erfolg Bolsonaros prompt mit einem kräftigen Kursanstieg.

Es ist nicht nur der Frust über die politische Klasse, welcher den Sog nach rechts erzeugt. Sind auch Kulturpessimisten nur gut informierte Optimisten? Es ist ähnlich wie mit den Provokationen von Trump: Nicht wenige Bolsonaro-Anhänger wählen diesen gerade wegen seiner Ausfälle gegen die Demokratie, gegen Frauen, gegen Schwarze, gegen Arme. Haddad will Bolsonaro mit Argumenten stellen. Dessen Unterstützer belassen es nicht bei Worten, sondern schießen, schlagen zu. Siegt Bolsonaro, wird Brasilien noch einen hohen Preis zahlen.


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Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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