Aus: Ausgabe vom 09.10.2018, Seite 7 / Ausland

Von Perugia nach Assisi

Zehntausende demonstrierten in Italien für den Frieden. Gewerkschafter, Katholiken und Linke verschiedener Richtungen gemeinsam auf der Straße

Von Gerhard Feldbauer
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Solidarität mit Bürgermeister: Kundgebung vor dem Haus von Domenico Lucano in Riace (6.10.2018)

Zehntausende Menschen unterschiedlichster politischer Ansichten und Weltanschauung haben am Sonntag am traditionellen »Friedensmarsch« zur Basilika des heiligen Franziskus in Assisi teilgenommen. Laut der Nachrichtenagentur ANSA waren es rund 25.000. Die linksliberale Tageszeitung Fatto Quotidiano berichtete am Montag, dass nach Angaben der Organisatoren bei strömendem Regen etwa 100.000 Menschen an dem in Perugia, der Hauptstadt der Region Umbrien, beginnenden, 25 Kilometer langen Zug teilgenommen hatten.

Der Marsch wurde 1962 von Aldo Capitini (1899–1968) ins Leben gerufen. Capitini war Gegner des faschistischen Diktators Benito Mussolini und später Rektor der Universität für ausländische Studenten in Perugia. Wegen seiner Unterstützung für Kriegsdienstverweigerer wurde er in Italien »Vater der Gewaltlosigkeit« genannt. Der Orden der Franziskaner gestaltete lange Zeit den jährlichen Marsch unter der Losung »Brüderlichkeit und Versöhnung«.

Ohne Katholiken auszuschließen, richtete sich der diesjährige Marsch mit Transparenten und Losungen gegen die menschenfeindliche Politik der Regierung aus der rassistischen Lega und der rechten »Fünf-Sterne-Bewegung«. Weitere Themen waren Abrüstung, das Ende der Beteiligung an Kriegen, vor denen die Menschen flüchten, so zu Migranten werden, denen die Regierung in Rom dann die Aufnahme verweigert. Die Demonstranten verlangten zudem die Achtung der Menschenrechte, verurteilten Rassismus und Diskriminierung.

Auf zahlreichen Plakaten wurde Solidarität mit dem international bekannten Bürgermeister des süditalienischen Dorfs Riace, Domenico »Mimmo« Lucano, bekundet. Er wurde Anfang Oktober festgenommen und unter Hausarrest gestellt, weil er Hunderte Flüchtlinge in seiner kaum 2.000 Einwohner zählenden Gemeinde aufgenommen und in leerstehenden Häusern untergebracht hatte. Vergangenes Jahr hatte er dafür den Dresdner Friedenspreis erhalten.

Auf Plakaten und in Statements wurde das »Projekt Riace« für den Friedensnobelpreis 2019 vorgeschlagen. »Wir sind mit Riace und mit Mimmo Lucano«, war zu lesen und zu hören. Flavio Lotti, ein bekannter Vertreter der italienischen Friedensbewegung, verbreitet im Internet die Nachricht: »Wir fordern, dem ›Riace-Modell‹ den Friedensnobelpreis zu verleihen.« Lotti hatte den diesjährigen Friedensmarsch nach Assisi koordiniert. Zur Eröffnung in Perugia klagte er den in Italien grassierenden Rassismus als »unerträglich« an und forderte: »Lasst uns Brüderlichkeit wagen.« Niemand dürfe »zurückgelassen werden und allein bleiben«.

Gemeinsam mit Lotti demonstrierten Anhänger der Friedensbewegung, der Basisgewerkschaften (Cobas) und der Gewerkschaft CGIL, Schüler und Studenten, Vertreter von katholischen Einwandererverbänden und von Amnesty International, Kommunisten und andere Linke. Unter ihnen 286 Vertreter von Regionen, Provinzen und Gemeinden, die ihre Banner vorantrugen. Zu den zahlreichen linksliberalen Persönlichkeiten gehörten die Regierungschefin der Region Umbrien, Catiuscia Marini, und der Regierungschef von Lazio, Nicola Zingaretti. Beide sind Mitglieder der Demokratischen Partei (PD), deren Generalsekretär Maurizio Martina ebenfalls anwesend war.

Auch Vertreter der im vorigen Jahr gegründeten linken Sammlungsbewegung »Freie und Gleiche« (LEU) beteiligten sich an dem Marsch, etwa die frühere Parlamentspräsidentin Laura Boldrini und Exsenatspräsident Pietro Grasso. »Frieden ist nicht für immer gegeben«, erklärte Boldrini, »er muss jeden Tag gegen das Klima des Hasses (…) verteidigt werden«. LEU-Politiker Giuseppe Civati sagte: »Mit unserer Teilnahme bekräftigen wir unser Engagement gegen den Krieg, für Frieden und Abrüstung.« Italien sei an zahlreichen Konflikten beteiligt, die das Flüchtlingselend hervorbringen.


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