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03.10.2018, 14:21:53 / Inland

Schnöggersburg besetzt

Aktivisten übernehmen vorübergehend Teil der Kriegsübungsstadt in der Altmark. Erstmals probte dort die Polizei »Terrorabwehr«

Von Susan Bonath
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Aktivisten besetzen Kriegsübungsstadt Schnöggersburg in der Altmark und eröffnen ein Friedensübungszentrum (Colbitz-Letzlinger Heide, 3.10.2018)

In Sachsen-Anhalt haben 20 Friedensaktivisten den 28. Jahrestag der sogenannten Wiedervereinigung auf ihre Weise begangen: Mehrere Stunden hielten sie die Kriegsübungsstadt Schnöggersburg auf dem Truppenübungsplatz des Gefechtsübungszentrums (GÜZ) Altmark bei Magdeburg besetzt, bis Polizei und Soldaten der Bundeswehr sie am Vormittag zu Fuß vom Militärgelände führten. Man habe Straßenschilder umbenannt, ein Haus mit Kreide bemalt und mit bunten Bannern geschmückt, um dem GÜZ ein »Friedensübungszentrum« entgegenzusetzen, erklärten sie. Außerdem gaben Mitglieder der Gruppe Lebenslaute ein kleines Konzert. »Als die Polizei eintraf, haben wir freiwillig unsere Personalien angegeben und durften die Musik noch fertig spielen«, sagte eine Sprecherin des »Jugendnetzwerks für politische Aktionen«(Junepa) gegenüber jW. Außerdem war die örtliche Bürgerinitiative »Offene Heide« an der Aktion beteiligt.

»Was in Schnöggersburg im Rahmen der Übungen gespielt wird, ist in vielen Ländern der Welt blutige Realität«, sagte ein Junepa-Sprecher. Der Rüstungskonzern Rheinmetall mache als GÜZ-Betreiber mit jeder Militärübung weitere Profite. Trotz offiziellem Exportverbot tauchten an Kriegsschauplätzen immer wieder Waffen des Unternehmens auf, etwa im Jemen und in kurdischen Gebieten. Deutsche Soldaten würden im GÜZ gezielt auf Kriegseinsätze vorbereitet. Für die fast fertiggestellte und teilweise freigegebene Geistermetropole mit 500 Häusern, Flughafen, Stadion, U-Bahn, Industriegebiet und vielem mehr hat der Bund bisher 140 Millionen Euro veranschlagt. »Das Gelände ist darum ein wichtiger Ansatzpunkt des Protests gegen Militarismus und für eine solidarische Gesellschaft«, betonten die Besetzer.

Nicht nur Bundeswehr-Soldaten trainieren in Schnöggersburg für den Krieg. Erst am Montag und Dienstag probten dort 160 Bundes- und Landespolizisten die Aufstandsbekämpfung, oder wie sie es selbst nennen: die Terrorabwehr. Wie eine Polizeisprecherin dem MDR sagte, spielten die Beamten mehrere Szenarien am Bahnhof und in Zügen durch. »Ziel der Übung war es, die Terroristen so schnell wie möglich auszuschalten, die Verletzten zu bergen und die medizinische Erstversorgung zu leisten«, hieß es. Als Übungsort dienten demnach unter anderem der Bahnhof von Schnöggersburg mit Gleisen und Waggons sowie zusätzlich der Verladebahnhof der Bundeswehr bei Letzlingen. Übungsleiter Sven Jahn von der Akademie der Bundespolizei in Lübeck lobte gegenüber dem Sender das Militärgelände: Es sei ideal für diesen Zweck. Weder behindere man den Betriebsablauf der Deutschen Bahn wie etwa vor kurzem bei einer Übung in Leipzig, noch benötige man zusätzliche Polizisten zum Absperren des Areals.

Auch für NATO-Truppen steht Schnöggersburg offen. Die erste gemeinsame Großübung mit 2.000 deutschen, niederländischen und norwegischen Soldaten, die künftig den Kern der »Schnellen Eingreiftruppe« bilden sollen, fand Mitte Juni dort statt. Diese soll nach Angaben der Bundeswehr innerhalb von längstens 72 Stunden an jedem Ort der Welt einsetzbar sein, wo sie benötigt werde. Ende Oktober wird es ein noch größeres Manöver in Norwegen geben – mit insgesamt 45.000 Soldaten, wie NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag der Öffentlichkeit verkündete.


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