Aus: Ausgabe vom 08.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Gleich nach dem Hochamt

Antiklerikalismus für alle: In Polen bricht der Spielfilm »Klerus« Besucherrekorde

Von Reinhard Lauterbach
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»Unbegrenzte Vorräte an Bargeld und Zynismus«: Erzbischof Mordowicz (Janusz Gajos)

Gniezno nordöstlich von Poznan gilt als »fromme« Stadt. Touristen kommen wegen der Kathedrale, in der der »Heilige Adalbert«, ein christlicher Missionar des 10. Jahrhunderts, begraben ist – in einem Sarkophag aus massivem Silber. Eine kunsthistorisch bedeutende Bronzetür aus dem späten 12. Jahrhundert erzählt in 16 Bildern die Geschichte seines Martyriums: Wie er den heidnischen Stämmen predigte, ihnen irgendwann auf den Geist ging, weshalb sie ihn umbrachten und ein gutes Geschäft machten – sie verkauften die Leiche gegen deren Gewicht in Silber an den bereits christlich gewordenen polnischen König Bo­leslaw den Tapferen. Soweit die Legende. Pilgerbusse prägen das Stadtbild; der Zutritt zu der Bronzetür kostet Gläubige und Ungläubige umgerechnet fünf Euro. Die kürzlich erfolgte Renovierung der Kathedrale ist laut Schildern, die an der Wand hängen (müssen), zu 75 Prozent aus EU-Mitteln finanziert worden.

Das ist der gut katholische Schein. Aber das Multikino der Stadt zeigte am Sonntag den Film »Klerus« von Wojciech Smarzowski in sieben Vorstellungen, die erste um 11.15 Uhr. »Gleich nach dem Hochamt«, lachte eine Bewohnerin, die nach Karten anstand. »Klerus« erfüllt offenbar ein seelisches Bedürfnis großer Teile des polnischen Publikums: Einmal hinter die verschlossenen Türen der Sakristeien, Pfarrhäuser und Bischofsresidenzen zu schauen und sich anschaulich zu machen, was man sich ohnehin schon dachte. In fast 500 polnischen Kinos ist der Film vor etwas mehr als einer Woche angelaufen, und allein in den ersten drei Tagen wurden im ganzen Land über 935.000 Karten verkauft. Das gab es noch nie, seit die Filmwirtschaft Statistiken führt. Boykotte des Films in einigen PiS-regierten Kleinstädten östlich der Weichsel haben daran, dass »Klerus« ein Renner ist, ebensowenig geändert wie – bisher nicht in die Tat umgesetzte – Ankündigungen rechter Gruppen, vor Kinos, die den Film zeigen, Exorzismen und andere Happenings zu veranstalten. Einiges spricht dafür, dass klügere Geistliche ihre übereifrigen Anhänger bremsen – um dem Film nicht noch die Ehre des Martyriums zu erweisen.

»Klerus« erzählt von drei katholischen Geistlichen, Jahrgangskameraden aus dem Priesterseminar, und ihrem Erzbischof. Letzterer, virtuos gespielt von Janusz Gajos, macht seinem Filmnamen Mordowicz (»Fresse«) alle Ehre. Er flucht wie ein Kesselflicker und verfügt offensichtlich über unbegrenzte Vorräte an Bargeld und Zynismus. »Was, Scheißhäuser soll ich segnen«, regt er sich an einer Stelle auf, und sein Buchhalter erläutert mit demütigem Blick: »Aber, Exzellenz, sie spenden 25.000«. Ein Lächeln zieht über des Bischofs Gesicht. Wenn es in diesem Film ein »Dingsymbol« gibt, dann ist es das Geldpäckchen. Es wechselt ständig die Hände, in der Plastiktüte vom Bischof zur Baustelle, wo auf den letzten Drücker ein Altar für eine Freilichtzeremonie gebaut werden muss (beim Ausbaggern entdeckte Gebeine verschwinden unter einer Betonschicht); in Briefumschlägen an der Basis. Was kostet ein Begräbnis? »Was Sie geben, mindestens aber 400.« Eine beschleunigte Hochzeit, weil die Braut schwanger ist? Mit Bargeld lässt sich alles regeln. Der Apparat, den »Klerus« zeigt, huldigt nicht Gott, sondern dem Mammon.

Außerdem bricht dieser Apparat, wie ihn der Film präsentiert, systematisch die Persönlichkeiten seiner Funktionäre. Alle Beteiligten saufen heftig. Der erste missbraucht seine Ministranten, wie er selbst in seiner Jugend missbraucht worden ist; der zweite hat ein Verhältnis mit seiner Haushälterin, und als sie schwanger wird (»Warum hast du nicht verhütet?« – »Mein Glaube hat es nicht zugelassen«), zieht er aus seiner Schreibtischschublade das Geld für eine Abtreibung in Tschechien. Der dritte hat als Kind in einem katholischen Waisenhaus die Erniedrigung und Vergewaltigung eines bettnässenden Leidensgenossen mit großen, fassungslosen Augen miterlebt und trägt das Trauma mit sich herum. Als ihn Jahrzehnte später Dienstgeschäfte in dieses Haus führen, setzt er sich auf eines der Metallbetten und »weinet bitterlich«.

Dieser Mann hat es im Apparat zu etwas gebracht, er ist der »Macher«, der die Geldpakete überbringt, träumt aber von einer Versetzung in den Vatikan. Als ihm sein Bischof die verweigert, baut er eine Kamera in dessen Amtszimmer ein. Was er mitschneidet, reicht, um letztlich doch in einem Privatjet nach Rom geflogen zu werden. Er ist der einzige, der in diesem Film Erfolg hat: durch Skrupellosigkeit.

Die beiden kleinen Basispriester lösen ihre Dilemmas individuell: der eine, aufgeflogen, durch ein Outing vor versammelter Kirchengemeinde und eine spektakuläre Selbstverbrennung bei der Zeremonie, für die sein arrivierter Kollege die finanziellen Vorarbeiten geleistet hat. Vorne predigt Erzbischof »Fresse« Allgemeinplätze und lässt sich nicht stören. Keiner der Umstehenden versucht übrigens, den Brennenden zu löschen. Für mich die beklemmendste Szene des Films. Der andere verlässt das Priesteramt und versucht, mit seiner Geliebten ein neues Leben anzufangen. Regisseur Wojciech Smarzowski nannte ihn den Sympathieträger des Films.

Polens Konservative werfen »Klerus« vor, er sei tendenziös. Ganz falsch ist das nicht. Alles, was in den vergangenen Jahren an Negativem über die katholische Kirche in den Zeitungen gestanden hat, kommt hier zusammen. Der Film spielt nach den Autokennzeichen in der ultraklerikalen Wojewodschaft Karpatenvorland, der geldgierige Bischof im Bentley residiert im Film in Krakow, ist aber dem in Gdansk amtierenden Erzbischof Leszek Glodz nachgebildet. Einen Skandal mit sadistischen Ordensschwestern gab es vor einiger Zeit in Oberschlesien, die Pädophilieverdächtigungen zählt schon niemand mehr. Eine Zahl deutlich über 2.000 nennt das kirchenkritische Portal »Fürchtet euch nicht«. Ob »Klerus« in Deutschland ähnlich einschlagen könnte wie in Polen, ist nicht sicher, obwohl er gutes Kino ist. Westlich der Oder ist die Kirche bescheidener geworden, sie rückt den Leuten nicht so permanent auf die Pelle, wie sie es in Polen tut. Das schürt in Polen einen Alltagsantiklerikalismus, wie er in Deutschland selten ist.

Ob »Klerus« Polen verändert, wie manche Kommentatoren behaupten, wird sich zeigen. Dass die katholische Kirche schon jetzt weniger sakrosankt ist, macht ein aktuelles Urteil deutlich. Das Bezirksgericht Poznan verurteilte soeben in zweiter Instanz einen katholischen Orden dazu, einer 24jährigen Frau, die von einem Priester des Ordens vor elf Jahren 13 Monate lang regelmäßig missbraucht worden war, eine Million Zloty (240.000 Euro) Schmerzensgeld und eine lebenslange Rente zu zahlen. Das hat es in Polen noch nie gegeben. Der Orden kündigte Revision beim Obersten Gerichtshof an. Dort sitzen neuerdings von Justizminister Zbi­gniew Ziobro handverlesene Richter. Für sie wird es eine Bewährungsprobe, wen sie schützen: Täter oder Opfer.

»Kler« (Klerus), Regie: Wojciech Smarzowski, Polen 2018, 133 min, Kinostart in der BRD noch nicht geplant


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