Aus: Ausgabe vom 08.10.2018, Seite 8 / Ansichten

In Bewegung

Protest im Hambacher Forst

Von Wolfgang Pomrehn
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Widerstand im Wald: Protestaktion am 6. Oktober nahe Kerpen

Die Ereignisse der letzten Tage waren ein einziger Schlag in die Magengrube für den Energiekonzerns RWE und weitere Freunde der Kohle. Das Verwaltungsgericht Münster mochte nicht glauben, dass ohne die Rodung des Hambacher Forstes in weiten Gebieten die Lichter ausgehen und hatte am Freitag die Motorsägen für unbestimmte Zeit gestoppt. Dann sauste der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als acht Prozent in den Keller. Und das Verwaltungsgericht Aachen kassierte schließlich auch noch das Demonstrationsverbot am Wald. 50.000 kamen nach Veranstalterangaben am Sonnabend, um gegen die Ausweitung des Tagebaus und für einen schnellen Ausstieg aus der Kohlenutzung zu demonstrieren. Das war die bisher größte Demonstration gegen einen Tagebau in der BRD. Das Land hat also eine neue Antikohlebewegung.

Endlich, denn die deutschen Treibhausgasemissionen stagnieren seit zehn Jahren auf viel zu hohem Niveau, obwohl der Klimawandel voranschreitet. Um rund ein Grad liegt die globale Temperatur bereits über dem vorindustriellen Niveau und gut 50 Prozent des Anstiegs ist in den letzten 40 Jahren erfolgt. Je wärmer es im globalen Mittel wird, desto mehr häufen sich die zerstörerischen Folgen. Von den fünf tödlichsten Naturkatastrophen in Europa seit 1980 waren vier Hitzewellen, wie Daten des Versicherers Münchner Rück zeigen. Zumindest für die Hochtemperaturphasen der letzten beiden Jahrzehnte gibt es überzeugende Indizien, dass sie durch den Rückgang des Meereises im hohen Norden induziert waren.

Schon bei 1,5 Grad Celsius Erwärmung wird es ernsthafte Konsequenzen geben, wie etwa das Absterben der meisten tropischen Korallenriffe und die Verschärfung der Wasserkrise rund um das Mittelmeer. Das untermauert der Sonderbericht des sogenannten Weltklimarats, des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Fragen des Klimawandels). Der wurde in der Nacht zum heutigen Montag im südkoreanischen Incheon der Weltöffentlichkeit vorgestellt und fasst im Auftrag der UNO-Mitglieder den neusten Stand der Wissenschaft auf diesem Gebiet zusammen.

Doch im Augenblick sind wir weit davon entfernt, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius beschränken zu können. Selbst das offizielle Ziel, den globalen Temperaturanstieg »deutlich unter zwei Grad Celsius« zu halten, liegt in weiter Ferne. Schuld daran haben unter anderem die Emissionen der deutschen Kohlekraftwerke, die fast die Hälfte des hiesigen Problems ausmachen. Viele von ihnen sind schon jetzt überflüssig. Es bleibt also zu hoffen, dass die Bewegung, die sich am Sonnabend am Hambacher Forst so eindrucksvoll manifestierte, in den nächsten Monaten genug Druck machen kann, damit die Kohlekommission, dem Beispiel anderer europäischer Staaten folgend, einen Ausstieg bis spätestens 2030 beschließt.


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