Aus: Ausgabe vom 08.10.2018, Seite 1 / Titel

Feiern im Forst

Großdemonstration mit 50.000 Menschen am Sonnabend im Hambacher Wald. Polizeirückzug angekündigt

Von Manuela Bechert
Starkes Signal für eine neue Klimapolitik: Demonstranten am Sonnabend nahe dem Hambacher Forst
Zehntausende protestierten am Sonnabend gegen die Nutzung von Kohleenergie
Friedlicher Protest: Waldspaziergang gegen die Profitinteressen von RWE

Noch nie haben so viele Menschen in der BRD für den Ausstieg aus der Nutzung des Klimakillers Braunkohle demonstriert: Mehr als 50.000 Menschen waren am Sonnabend gekommen, um ein Zeichen für den Erhalt des »Hambis« – wie der Wald liebevoll von den Aktivisten genannt wird –, gegen den Großkonzern RWE und für den schnellstmöglichen Braunkohleausstieg zu setzen. »Jetzt lassen wir nicht mehr locker, bis die Bagger endlich stillstehen und die Schlote nicht mehr rauchen«, gab Christoph Bautz, geschäftsführender Vorstand der Kampagnenorganisation »Campact«, in seiner Rede die Zielrichtung der Demonstration »Wald retten – Kohle stoppen« vor. Auf den letzten Drücker war die Veranstaltung noch per Eilantrag genehmigt worden, nachdem sie zuvor wegen Sicherheitsbedenken untersagt worden war. Ebenso war der vorläufige Rodungsstopp vom Oberverwaltungsgericht Münster beschlossen worden (siehe jW vom 6./7.10.). Dies nahm NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Sonntag zum Anlass, den Abzug der Polizei aus dem Hambacher Forst für den heutigen Montagmorgen anzukündigen. Mit der Gerichtsentscheidung sei die Rodung »für die kommenden zwei Jahre vom Tisch«.

Trotz Problemen bei der Anreise – es gab kilometerlange Staus, die Kapazitäten der Bahnen und Bahnhöfe waren bis aufs äußerste ausgereizt – kamen die Menschen am Sonnabend friedlich und fröhlich zusammen. Während viele den Reden und der Musik am Kundgebungsplatz lauschten, zeigten andere ihren Protest mit Widerstand. Die Aktion »Ende Gelände« plazierte symbolisch für die nun neu entstehenden Besetzungen Hunderte Hängematten direkt neben der Autobahn 4. Anderswo wurde bereits an neuen Baumhausdörfern gearbeitet; besonders schön könnte es in dem gerade entstehenden Wipfeldorf »Räuberhöhle« werden.

Viele derjenigen, die schon Monate oder gar Jahre im Hambi wohnen, haben sich mit frischem Mut zusammengeschlossen, um Strukturen neu entstehen zu lassen, die der bisherigen Rodung zum Opfer gefallen waren. So soll ein Dorf entstehen, mit mehreren Baumhäusern, Toilette, Küche und natürlich Traversen, welche die Behausungen untereinander verbinden. Mit viel Engagement wurde am Wochenende geplant und gearbeitet – all dies geschah jedoch tief im Unterholz und weit weg von den vielen Demonstranten. An anderer Stelle fingen Menschen an, den zur Einfriedung des Waldes von RWE angelegten Graben wieder zuzuschaufeln. Die Polizei griff nicht ein, forderte lediglich via Lautsprecher dazu auf, sich der Abbruchkante zum Tagebau nicht weiter zu nähern.

Ungeachtet dessen konnten etliche Braunkohlegegner ins Abbaugebiet vordringen, dort formierten sie sich und bildeten die Worte »Hambi bleibt«. Der Pressesprecher von RWE, Lothar Lambertz, konnte die Aktion gegenüber jW am Sonntag bestätigen und sagte, daraufhin hätten zwei Kohlebagger abgeschaltet werden müssen. Die »Sicherheit« stehe im Vordergrund, die Aktivisten legten in seinen Worten ein »unglaublich verantwortungsloses und gefährliches Verhalten« an den Tag.

Der Konzernsprecher gab zudem zu Protokoll, dass es in der Nacht von Freitag zu Sonnabend einen Einbruch auf dem RWE-Betriebsgelände in Neurath gegeben hatte. Nach jW-Informationen hatten Aktivisten versucht, zwei Förderbänder zum Braunkohleabtransport zu stoppen. Gegenüber jW sagte Lambertz, Mitarbeiter hätten die Aktivisten an der Aktion gehindert, anschließend seien diese von der Polizei abgeführt worden. Die Polizei Aachen wollte die Festnahmen auf Nachfrage nicht bestätigen.


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