Aus: Ausgabe vom 06.10.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Sozialer Widerstand: Radikale Linke

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Vertritt in Theorie und Praxis klare linke Positionen: Guilherme Boulos tritt für die Partei Sozialismus und Freiheit an

Unter den Bewerbern um Brasiliens höchstes Staatsamt bildet dieses Duo den linken Rand: Guilherme Boulos, Nationalkoordinator der Wohnungslosenbewegung MTST, und seine Vizekandidatin Sônia Guajajara. Die Lehrerin, Krankenschwester und Ökosozialistin (geb. 1974) aus dem nordöstlichen Bundesstaat Maranhão ist die erste Indigene in der Geschichte des Landes, die zu einer Präsidentschaftswahl antritt. Sie steht an der Spitze des Indigenen-Verbandes Apib und ist ein prominentes Gesicht des Kampfes der Urvölker um ihre Territorien, für gleiche Rechte und gegen den Terror der Latifundisten. Der erst 35jährige Lehrer und Schriftsteller Boulos, jüngster Präsidentschaftsaspirant in der Geschichte Brasiliens, vertritt auch den Zusammenschluss von Initiativen »Povo Sem Medo« (Volk ohne Angst). Dieser kämpfte aktiv gegen den institutionellen Putsch und tritt den neoliberalen Reformen der Temer-Regierung entgegen. Boulus hat sich eine Erneuerung der brasilianischen LInken auf die Fahne geschrieben. In Bezug auf die Arbeiterpartei agiert er kritisch, aber nicht sektiererisch, fordert die Freilassung Lulas aus der politischen Haft.

Die beiden kandidieren für eine Koalition aus der Partei für Sozialismus und Freiheit (PSOL) – im Juni 2004 von PT-Dissidenten als basisdemokratisch verfasste Alternative gegründet – und der kleinen marxistischen PCB. Besonders die Kampagne von Boulos und Guajajara repräsentiert den vielfältigen Widerstand von Schülern und Studenten gegen die Bildungsmisere, die feministische und die LBGT-Bewegung sexueller Minderheiten, die sozialen Kämpfe in den Favelas und an den Peripherien der Städte. Unterstützt werden sie von Intellektuellen, Künstlern und alternativen Medien. Der MTST – Ableger der Landlosenbewegung MST – ist für Brasiliens reiche Elite ein Erzfeind. Mit großen Besetzungsaktionen fordert er immer wieder für die etwa sieben Millionen Brasilianer ohne eigenes Dach über dem Kopf das in Artikel 6 der brasilianischen Verfassung von 1988 garantierte Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen ein. Es ist eines der gravierendsten sozialen Probleme, das sich mit der Krise und der Temer-Politik weiter verschärfte. Arbeitslosigkeit und Armut treffen immer mehr Familien. Gleichzeitig ziehen in den Metropolen, wo Leerstand und Spekulation herrschen, die Mieten an. Die vom MTST errichteten Wohncamps für obdachlose Familien dienen als politische Lernorte einer »Volksmacht von unten« und sind Ausgangspunkt für Massenaktionen. Seit Mitte September halten so Hunderte Aktivisten eine frühere Textilfa­brik in der Mooca-Straße im Osten von Rio besetzt. Die Kandidatur der radikalen LInken dient der Mobilisierung dieses Spektrums, viele potentielle Wähler dürften jedoch angesichts der Gefahr von rechts bereits am Sonntag taktisch wählen. (pst)


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