Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Licht, leicht, lustig

Mit dem Roman »Die Universität« hat Andreas Maier der Geisteshauptstadt Frankfurt am Main ein Denkmal gesetzt. Erinnerungen an einen zerstörten Ort

Von Jürgen Roth
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»Nüchterne, angenehm dysfunktionale Stätte des Geistes«: AfE-Turm der Goethe-Universität

Ende der achtziger Jahre bekamst du in Frankfurt als Student praktisch kein Zimmer. (Dieser Tage ist die Lage aus den bekannten Gründen noch schlimmer, aber es gibt ja auch keine Studenten mehr.)

Freund Schäfer, mit dem zusammen ich wiederholt stundenlang in der Schlange vor dem schönen und selbstverständlich 2006 abgerissenen Rundschau-Haus gestanden hatte, um die frischgedruckte Ausgabe der Frankfurter Rundschau mit den Inseraten als einer der ersten in die Hand zu bekommen, gab die Suche irgendwann auf und blieb in Tübingen, in diesem pietistischen Miniaturmoloch, dieser gebauten Daseinseindampfung, in der jedoch Germanisten und Philosophen wie Eugenio Coseriu, Jürgen Schröder, Manfred Frank, Helmut Fahrenbach und Klaus Hartmann lehrten, die dazu beitrugen, dass sich Freund Schäfer über Wasser hielt. (Das Wirtshaus »Boulanger« half gleichfalls.)

Als wir das erste Mal nach Frankfurt gebrummt waren, um eine Bude zu organisieren, landeten wir allerdings nicht am Rundschau-Haus, sondern wie von unsichtbarer Hand geleitet im legendären Hörsaal VI in der Gräfstraße, in dem Adorno seine Vorlesungen gehalten hatte und in dem er von barbusigen Megären attackiert worden war. Das Hörsaalgebäude werden die ausnehmend klugen Frankfurter Stadtplaner, diese Arschgeigen, ebenfalls zu Klump hauen lassen – wie das Suhrkamp-Haus in der Lindenstraße und andere architektonische Schmuckstücke der Nachkriegsmoderne. In der einstigen Stadt der Aufklärung wütet die Barbarei, die wie eh und je von Kapitalinteressen befeuert wird, aufs schamloseste. Und es passt bruchlos ins Bild, dass sich der Volltrottel Peter Feldmann, der hiesige OB, nach dem Pokalsieg der Eintracht während des Autokorsos durch die zertrümmerte Stadt wie ein Honigkuchenschmierlappenpferd präsentierte – statt mal eine irgend relevante Politik zu machen.

Freund Schäfer, ein, entre nous, wahrer Philosoph, vielleicht der einzige wahre Philosoph, den ich kenne, hatte an der mittigen Eingangstür des AfE-Turms, dieser nüchternen, angenehm dysfunktionalen, chaotischen Stätte des Geistes, die die tonangebenden Armleuchter 2013 in die Luft gesprengt haben und in der ich damals bei den großen Denkern Ernst-Otto Czempiel, Joachim Hirsch, Heinz Steinert (was für ein Mensch war der Heinz!), Ingeborg Mauss und Iring Fetscher studieren und etwas lernen durfte, ein Plakat gesehen: »Abschlusspodium zum Wittgenstein-Kongress, Hörsaal VI«, so ähnlich.

Da gingen wir sofort hin, auf die Wohnungssuche war vorerst gepfiffen. Es war meine erste profunde Berührung mit der Universität, mit der Stadt Frankfurt. Frankfurt einst, 1989 ff., war eine unaufdringlich lebendige, belebende, freie Stadt, ein Ort des Durcheinanders, der Zwanglosigkeit und der Achtung vor Intellektualität, ein Ort der Kritik und des Spottes. Herrje, in diesem ambitionslosen Häuserhaufen lebten und wirkten ja zudem Gernhardt, Henscheid und all die Saububen von der Titanic!

Frankfurt war Frankfurt (heute ist diese sogenannte Stadt ein Haufen jener Scheiße, in die das Kapital die Welt verwandelt hat). Und obendrein vorzüglich: der Campus in Bockenheim, wurschtig zusammengenietet und nicht stadtbeherrschend, eine Mischung aus Elendssozialdemokratismus und Anarchismus. In einem Seminarraum oberhalb der exzellent hässlichen Mensa diskutierte man beim fabelhaften Germanisten Burkhardt Lindner über Walter Benjamin (ohne was begriffen zu haben), gegenüber, an der Senckenberganlage, redeten wir mit Jürgen Ritsert und Heinz Steinert in Adornos einstigem Seminarraum im Institut für Sozialforschung vier (4!) Semester lang über ebendessen »Ästhetische Theorie«. Fanzi Fanizadeh, du wirst dich erinnern.

Und in der Bibliothek des Instituts für deutsche Sprache und Literatur I in der Georg-Voigt-Straße arbeiteten die zwei schärfsten Frauen der Welt, Tine Roloff und Michaela C.

Frankfurt war der Gegenentwurf zum studentisch inzestuösen Tübingen: licht, leicht, lustig, ein bisschen gammelig und sorglos, und wenn du das Universitätsareal verlassen hattest, trafst du in der Stadt auf keine einzige schwäbische Nervensäge. Da wollte ich hin, egal wie.

»Meine Fächer Philosophie und Germanistik könnte ich heute nicht mehr studieren«, sagt der Schriftsteller Andreas Maier in einem Interview mit dem Standard. Ich saß mit ihm, ohne ihn zu kennen (ein Freund, der später bei Suhrkamp arbeitete, hat mir bestätigt, dass Maier auch da war), in philosophischen und germanistischen Seminaren und Vorlesungen, etwa bei Volker Bohn, der wie mein bedeutendster, mich auf schwer ausdrückbare Weise rücksichtsvoll prägender akademischer Lehrer, der Sprachphilosoph Hubert Ivo, die Universität Frankfurt gewissermaßen verkörperte: theoretisch hochversiert, dialogisch (neu-)gierig, die geistige Physiognomie durchzogen von zahllosen philosophischen Rissen. Die Universität Frankfurt war keine Kaderschmiede, keine Theorielegebatterie, sondern ein – im guten Sinne – Diskurshaus, ein unbegrenztes (obschon jeder Raum, jedes Haus begrenzt ist), mit unendlich vielen Gängen und Hinterzimmern. Nichts Besseres ist denkbar, und es ist alles zerstört worden. Bertelsmann did it.

Da hockte ich mit Freund Schäfer unversehens im Hörsaal VI. (Zwei, drei Jahre danach hielt dort Günter Grass einen entsetzlich eitlen Vortrag, das lassen wir beiseite.) Vorne am Tisch: Habermas, Ernst Tugendhat, Richard Rorty und – Karl-Otto Apel. Gegenstand der Erörterung war der kurrente postmoderne beziehungsweise -strukturalistische Unfug von wegen »Alles ist (agonales) Sprachspiel« und »Es gibt keine gültige Erzählung«. Lyotard, Derrida, Lyotard, Derrida. Die Welt ist ein Text, ein Intertext, wer Wahrheitsansprüche erhebt, sollte eingeliefert werden.

Tugendhat fiel nicht weiter auf, aber Rorty, ein moderater Linker, der Erhellendes zu Fragen der Kontingenz und der Ironie geschrieben hat, erregte den Zorn eines Mannes aus dem Rheinland. Es ist unvergesslich: Zunächst noch mühsam gefasst, fuhr alsbald doch die Furie des Verfluchens in Karl-Otto Apel. Er stand auf, er riss die Augen auf, sein Kopf lief rot an, und er schleuderte Rorty entgegen: »Sie sagen: Wer sagt, dass eine Aussage wahr ist, spielt nur mit dem Anspruch, sie sei wahr! Deshalb sei sie nicht wahrheitsfähig! Sie sagen aber zugleich, dass die Aussage wahr sei, dass keine Aussage wahrheitsfähig, weil sie nur Teil eines Sprachspiels sei, das nicht wahrheitsfähig sei. Damit sagen Sie in dem Moment, in dem Sie das sagen, das Gegenteil dessen aus, was Sie sagen! Das ist ein performativer Selbstwiderspruch! Das ist ein Widerspruch zwischen Performation und Proposition! Das ist ein performativer Selbstwiderspruch!«

So ging das minutenlang weiter, eine unglaubliche Suada ergoss sich über den armen, höflichen Rorty. Freund Schäfer und ich hatten erhebliche Mühe, nicht schallend loszulachen, während Habermas, der neben Apel saß, seinen kleinwüchsigen Freund und Kollegen zu besänftigen versuchte, ihm sachte auf die Schulter klopfte, ab und zu an dessen Cordsakko zupfte und ständig ins Mikrofon nuschelte: »Karl-Otto! Karl-Otto!! Karl-Otto! Karl-Otto!! Karl-Otto, beruhige dich! Karl-Otto, beruhige dich!!«

Es war eine extemporierte Theateraufführung, eine vollkommen unerwartete Clownerie, die mit allen akademiebetrieblichen Konventionen aufräumte. Wo sonst außer im antiautoritären Frankfurt wäre einem ähnliches dargeboten worden?

»Ich glaube, über einen Begriff wie ›Freiraum‹ hätte damals keiner von uns nachgedacht. Die Universität war Teil unseres Lebens. Ich hätte niemals etwas an ihr als Verpflichtung empfunden, da ich alles frei gewählt hatte«, fährt Andreas Maier in erwähntem Interview fort. Ja, die Universität war eine Lebensform. »Wenn die Leute heute so wären wie wir damals, wäre die Maxime klar: Stürmt die Universität, besetzt sie und zwingt die Leute, von dem ganzen Bologna-Mist wieder wegzukommen. Aber mittlerweile sind alle daran gewöhnt, und dieses Widerstandspotential wird es nie mehr geben. Universität hieß für uns früher in erster Linie, Zeit zu haben. Heute meinen alle: Zeit haben heißt rumlungern. Aber Zeit haben heißt, sich produktiv in die Dinge zu verlaufen.« Das ist richtig, und so war es.

Untergekommen bin ich dann für längere Zeit bei einer sehr freundlichen älteren, klugen Dame. In ihrer Wohnung in einem Hochhaus im Merianweg in Friedrichsdorf-Köppern, einem faden Nest dreißig Kilometer nördlich der Uni, bezog ich ein höchstens sechs Quadratmeter großes möbliertes Zimmer ohne Fenster. Ein wenig Licht fiel durch die Milchglasdachluke, und das genügte, um zum Beispiel die umfänglichen Romane von Jean Paul zu lesen. Dazu hatten wir ja Zeit. Wenn ich mir die von Hand ausgefüllten Belegbögen in meinem grauen Studienbuch ansehe, die über die Anzahl der absolvierten Pflichtsemesterstunden Auskunft gaben, die niemand kontrollierte (und von einer Anwesenheitspflicht hatte auch kein Mensch jemals was gehört), wähne ich mich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Was der Bologna-Terror für Studenten und Dozenten bedeutet, habe ich zehn Jahre später als Lehrender im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend erlebt. Der Anglist Klaus Reichert, den ich in jener Zeit mal fragte, warum die Professorenschaft keinen Widerstand geleistet habe, sagte: »Herr Roth, gegen diesen gewaltigen bildungsbürokratischen Apparat und gegen diese Geldmacht hatten wir keine Chance.« Da musste ich an den stillen, skrupulösen Marxisten Gisbert Lepper denken, bei dem ich meine literaturwissenschaftliche Magisterarbeit hatte schreiben dürfen. Er hatte schon vor Jahren resigniert und vor dem Erreichen der Pensionsgrenze den Dienst quittiert.

Gegen Ende von »Die Universität« (Berlin 2018), dem sechsten Band seines autobiographischen Romanzyklus »Ortsumgehung«, beschreibt Andreas Maier eine Fahrt mit dem Auto von Frankfurt-Bockenheim nach Friedberg, Straßenzug für Straßenzug, hinaus aus dem Gründerzeitviertel, auf den Zubringer, auf die Autobahn, hinein in den täglichen Stau, mir ging es jahrelang genauso, jahrelang nahm ich exakt diesen Weg, mechanisch, stumpfsinnig, Friedrichsdorf liegt ja nahe bei Friedberg.

Das ist die Bewegung: weg vom Ort des Denkens, hinein in eine Welt der »großen Gegenwärtigkeit«, eine Welt des Stillstands. Aus einer höchst trivialen Begebenheit destilliert Maier eine Art Unio-mystica-Erlebnis, das den solipsistischen Wahn des Studenten, seinen radikalen Wahrnehmungsskeptizismus vergessen macht, das eine fast paranoid in sich kreisende Phantasie zum Erlöschen bringt, an deren Stelle schließlich, parabolisch verkleidet, der Glaube tritt.

Zu Beginn dieses schmalen, sprachlich spröde gehaltenen, ab und an protokollarisch anmutenden Entwicklungsromans weist kurzzeitig noch die Natur einen Weg aus der Hölle der Reflexion der Reflexion, der geistigen Beschäftigung damit, was Geist und geistige Tätigkeit sei. »Jedes Blütenblatt, jeder Grashalm schien mir mit einem universalen Vollkommenheitssinn aufgeladen«, heißt es, im kleinsten kalmierenden Seienden außerhalb meiner selbst verbirgt sich die Möglichkeit der pantheistischen Rettung. Der rumpelige, planlos in die Stadt gepflanzte Campus Bockenheim hingegen ist ein Limbus (ich habe ihn, noch einmal, als Ort der Wonne, des Lernens und der Gelassenheit in Erinnerung) – ein Limbus der unentwegten komplizierten, immerzu neue Anläufe nehmenden und immerzu neue Pfade beschreitenden Ichfindung, die allerdings eher einer unaufhaltsam progredierenden Ichauflösung oder -auslöschung gleicht, einem Hineinschreiten ins Verrücktsein, angetrieben von einer obsessiven Verfallssehnsucht, die gleichwohl einhergeht mit dem schmerzlichen Verlangen nach existentieller Erlösung.

Dass das Soma auf derlei nicht zu bändigende Qual reagiert, wissen nicht nur Angsterkrankte. Maier, der mir hie und da zu ostentativ schmucklos und elliptisch schreibt, ist bisweilen ein hochkomischer Autor (unwillkürlich, vermute ich, aber da mag ich irren). Seine Magenkrämpfe bekämpft der Ich-Erzähler zunächst mit fettem Essen, warmem Bier und Schnaps, später auf Anraten eines Arztes mit Nahrungsentzug und gesteigerter Alkoholzufuhr. Für die Passage über das Praxisgespräch bei einem rätselhaften, wortkargen Doktor möchte man Maier dankend die Hand geben; sie ist schlicht grandios: »›Oder trinken Sie in der Mensa wenigstens Alkohol. Vielleicht hilft das ja.‹ Der Arzt schwieg jetzt wieder eine Weile, dann schaute er mich an und stand auf. Er hielt mir die Hand hin, darauf ging ich.«

Und so geht der Ich-Erzähler regelmäßig ins »Doctor Flotte« gegenüber dem Mensagebäude, in eine refugiale Totalkneipe, die sich bis heute merkwürdigerweise unverändert erhalten hat. Da schaut’s nach wie vor wie folgt aus: »Im ›Doctor Flotte‹ traf eine Ansammlung völlig versponnener Menschen zusammen. Hier fiel keiner auf. Manche kamen mit Purzelbäumen zur Tür herein. Der Wirt konnte ohne Vorwarnung aggressiv gegen jedweden Gast werden, einmal zwang er mich morgens um neun Uhr, mehrere Gin Tonic ›aufs Haus‹ zu trinken, denn ich war in einem Anzug erschienen (…). Als der Wirt den Anzug sah, rief er: ›Ein Herr! Ein Herr! Gin Tonic für den Herrn aufs Haus!‹ Der Wirt war schon am Morgen so betrunken, dass er mich nicht erkannte. Die Gin Tonic waren ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ich hatte anschließend den ganzen Tag Kopfschmerzen. Noch seltsamer waren die Abende im ›Doctor Flotte‹, da konnten wahrhaft diabolische Szenen stattfinden, und auf dem Schoß des Jünglings (ich) saß dann eine alte, neunzigjährige Vettel ohne Zähne, die ihre Bluse öffnete, was sich in der Umgebung völlig normal ausnahm.«

Nun darf ich mich nicht verleiten lassen, die mir bestens vertrauten Örtlichkeiten, die Maier erwähnt – das (abgewickelte) »Café Bauer« (Adorno!), das (zu Tode gesparte) Theater am Turm samt Café, die Buchhandlung Hector, zudem das phantastische altbürgerliche, 2016 zugesperrte Restaurant »Pielok« und die Karl-Marx-Buchhandlung –, en détail als das zu lobpreisen, was sie für mich waren: Elemente einer ziemlich einzigartigen Topographie des guten Lebens, das sich bei Maier jedoch als eines der fortgesetzten Pein darstellt, der Überforderung, der Nervosität, der Fremdheit, der Verlorenheit, der Isolation.

Im Philosophischen Institut in der Dantestraße (plattgemacht, natürlich) konnte man durchaus bizarren und gespenstischen Prozeduren beiwohnen, beispielsweise wenn Alfred Schmidts Assistenten Jung und Grün (wahrlich, so hießen sie) den enormen Generalisten eskortierten und seinen Koffer und seine Unterlagen apportierten. Und geradezu abstoßend war, wie die Adlaten des Jürgen Habermas dessen potentiellen Lehrstuhlnachfolger Manfred Frank, den die Fachschaft auf den ersten Listenplatz gesetzt hatte, beim »Vorsingen« regelrecht zerfledderten, weil Frank angeblich stur am angeblich durch und durch überholten Paradigma der idealistischen Bewusstseinsphilosophie festhielt.

Maier zeichnet den Alltag im philosophischen Seminar in knappen, prägnanten Zügen und skizziert nebenbei eine kleine Typologie der Rituale und Prägungen, der sozialen und intellektuellen Dynamik und Schichtung, die sich in Kleidung, Verhalten und Jargon manifestieren. Derart präzise Beobachtungen wie etwa jene zu den »Karl-Otto-Apel-Adepten« und den »Habermasianern« habe ich bislang nirgendwo gelesen. Erstere »redeten sehr hypotaktisch und in höheren, apelgemäßen Tonlagen, und sie benutzten vornehmlich Apel-Wortlaute. Apel wies anderen gern logische Widersprüche nach (nämlich solche, die seinem transzendentalen Wahrheitspostulat entgegenstanden). Das machte er stets in einem witzig-herablassenden Ton, der aber nicht feindlich, sondern kollegial und ein wenig angelsächsisch klang. (…) Habermasianer dagegen schlurften meistens still und nachdenklich durch die Gegend und griffen sich ans Kinn. Wenn sie sprachen, dann leise und nuschelnd und ohne Blickkontakt zum Gegenüber zu suchen. Sie neigten zum Monologisieren, und zwar so, dass sie jedes Thema grundsätzlich sehr aufwendig aufbauten und erst einmal die Grundlagen ihrer Theorie klärten. Ein Gespräch mit ihnen war oft nicht möglich.«

Welches der Ich-Erzähler indes ohnehin meist mit sich selber führt – eine Form der Selbstbeobachtung oder radikalen Selbstbezüglichkeit, in der sich Apels Theorem der transzendentalpragmatischen Letztbegründung spiegelt, indem es ichzentriert ad absurdum geführt, nämlich zirkulär auf die Spitze getrieben wird.

Dass sich jede transzendentalphilosophische Reflexion noch einmal dadurch verschärft, dass das einzige Mittel, mit dem sich über Sprache und deren Mittel nachdenken lässt, die Sprache selbst ist, spielt hier nur untergründig eine Rolle. Maier illustriert in gewisser Weise das sogenannte Münchhausen-Trilemma anhand der Wahrnehmung, an der Beobachtung von Seminarteilnehmern, da er bemerkt, dass er, der sich beim Beobachten zugleich selber beobachtet, seinerseits beobachtet wird und so das sich spiegelnde Subjekt und das Objekt verschwimmen respektive in eins fallen: die Beobachtung der ­Beobachtung des Beobachtenden unter Beobachtung. Er ist zugleich Beobachter, Beobachtender und Beobachteter.

Dass Maier für diesen nicht stillzustellenden Prozess des Selbst- und Weltbezugsverlusts die Metapher des »inneren Meta-Ebenen-Kuckucks« wählt, ist ein trefflicher Einfall – der parasitäre Vogel, der das Ich versklavt, indem er es in den Irrsinn des unabschließbaren Versuchs hineintreibt, einzig und allein denkend aus sich heraus einen ein für allemal gesicherten Ort in der Wirklichkeit zu finden.

Einem solchen nähert sich der Ich-Erzähler zum ersten Mal außerhalb des Campus, als er Pflegekraft bei Gretel Adorno wird. Und über dieses empathische, zarte, anrührende Kapitel sage ich hier und jetzt einfach mal nichts.

Dogmatischer Abbruch.

Andreas Maier: Die Universität. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 147 Seiten, 20 Euro

Jürgen Roth, geb. 1968, ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen »Nie mehr Fußball! Vorfälle von 2014 bis 2017« (2017) und »Kritik der Vögel. Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht« (mit Thomas Roth, 2017).

Auf diesen Seiten schrieb er in der Ausgabe vom 9./10. Juni über die verlorene Schönheit des Zeitverplemperns.


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