Aus: Ausgabe vom 05.10.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Keine Option mehr«

Zukunft der Arbeit: Warum Laura Meschede den Helmut-Schmidt-Journalistenpreis ablehnte.

Von Laura Meschede
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Amazon-Mitarbeiter Ende 2017 in Großbritanniens größtem Lagerhaus des Onlinehändlers in Dunfermline

Laura Meschede sollte für die Reportage »Die Mensch-Maschine« mit dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis der ING-Diba-Bank ausgezeichnet werden. Zu dessen Verleihung am 27. September waren auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Parteifreund Peer Steinbrück (Exfinanzminister und ING-Diba-Berater) eingeladen. Wir dokumentieren die Rede, in der Laura Meschede erklärte, warum sie die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung nicht annahm:

Wie könnte die Zukunft aussehen?

Wenn ich in die Zukunft blicke, habe ich Angst. Nicht Angst, dass sich etwas ändert. Sondern Angst, dass alles bleibt, wie es ist. Wenn alles bleibt, wie es ist, wird uns die Zukunft sehr hart treffen. In meiner Geschichte ging es um die Zukunft der Arbeit. Diese Zukunft beginnt heute. Schon heute müsste ein guter Teil unserer Arbeit nicht mehr von uns erledigt werden. Maschinen können montieren und schweißen, Maschinen können Regale einräumen und Maschinen können mit sympathischer Stimme Bestellungen aufnehmen.

Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann sind diese Maschinen ein Grund für uns, Angst zu haben. Weil jeder Roboter, der Regale einräumen kann, ein paar arbeitslose Logistiker bedeutet, und jedes automatische Flugbuchungssystem ein paar arbeitslose Reisecenterangestellte. Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann heißt das, dass die Technik uns nicht Arbeit abnimmt, sondern uns arbeitslos macht. Aber es muss nicht alles bleiben, wie es ist.

In einer vernünftigen Welt hieße jeder Roboter, der Regale einräumen kann, dass alle menschlichen Logistiker ein bisschen weniger arbeiten müssen. Und jedes automatische Reisebuchungssystem hieße, dass die Reisecenterangestellten mehr Urlaub für sich selbst buchen könnten. Weil ja Maschinen einen Teil ihrer Arbeit abnehmen.

In einer vernünftigen Welt wäre die Digitalisierung ein Grund, um zu feiern. Aber wir leben nicht in einer vernünftigen Welt. Ich habe Freunde, die haben mehrere Jobs gleichzeitig, die arbeiten an manchen Tagen mehr als 14 Stunden. Und ich habe Freunde, die sind arbeitslos. Sie rennen alle paar Tage zum Arbeitsamt, um eine neue unsinnige Beschäftigung verschrieben zu bekommen, die keinem Menschen etwas bringt.

Das ist die Situation, wie sie jetzt ist, und kein Mensch kann wollen, dass die Situation so bleibt.

In Zeiten, in denen die Kriegsgefahr steigt. In Zeiten, in denen der Meeresspiegel steigt. In Zeiten, in denen eigentlich alles steigt außer den Reallöhnen; in denen Jeff Bezos in der Minute 1,3 mal so viel verdient wie ein Amazon-Mitarbeiter im ganzen Jahr und in denen die einzige Sicherheit, die wir haben, die ist, dass uns im Alter das Geld nicht reichen wird – in solchen Zeiten ist es keine Option mehr, sich still einzufinden.

In solchen Zeiten gibt es nur noch zwei Seiten: Die Seite von denen, die dieses System stützen und von ihm profitieren, und die Seite von denen, die unter ihm leiden.

Als Journalistin möchte ich auf der Seite von letzteren stehen. Wenn man in die Talkshows schaut und auch in das Parlament, dann bekommt man oft den Eindruck, die Politik sei ein Gesellschaftsspiel. Mal gewinnt der eine und mal gewinnt der andere, und am Ende grinsen wir alle gemeinsam in die Kamera. Aber was bei diesem Gesellschaftsspiel herauskommt, ist für mich und für uns alle bittere Realität. Wenn Sie, Herr Scholz, dafür eintreten, dass Hartz IV in dieser Form bestehen bleibt, dann bedeutet das, dass meine Freunde, die Hartz IV bekommen, weiter ein beschissenes Leben haben.

Wenn ich darüber schreibe, dass die Zukunft der Arbeit für Tausende Menschen bedeuten wird, dass ihr Leben noch schlechter werden wird, als es sowieso schon ist, wenn wir dieses Wirtschaftssystem erhalten, dann kann ich nicht danach auf einer Veranstaltung mit den Vertretern ebendieser Politik und ebendieses Systems nett darüber plauschen. Sonst spiele ich genau dieses Spiel mit.

Das hier ist eine PR-Veranstaltung, so viel ist klar. Und deswegen stehe ich auch hier, um PR zu machen. Aber nicht für die Ing-Diba. Sondern für den Gedanken, dass es eine Alternative gibt, dazu, wie die Welt jetzt ist.

Wenn ich das glaubwürdig tun will, dann kann ich mich nicht auf einer solchen Veranstaltung gemeinmachen mit der Politik und dann kann ich auch keinen Preis annehmen von einer Bank.

Ich lehne den Preis deswegen ab.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von josef witte aus delbrueck ( 5. Oktober 2018 um 08:02 Uhr)

    Herzlichen Glückwunsch, Laura Meschede!

    Sie beweisen durch Ihre klare und gut formulierte Ablehnung, dass Sie Rückgrat und Sachverstand besitzen. Eine Seltenheit in unserer Medienwelt.

  • Beitrag von Markus Fink aus München ( 5. Oktober 2018 um 11:11 Uhr)

    Respekt, Frau Meschede!

    Ich hatte bis jetzt noch nichts über die »Mensch-Maschine« gehört, aber Ihre konsequente Ablehnung dieses vom Großkapital finanzierten und nach dem NATO-Doppelbeschluss-Kanzler benannten Preises hat mein Interesse geweckt. Machen Sie weiter so!

    Markus F., München

  • Beitrag von Hubert Königer aus Aalen ( 5. Oktober 2018 um 14:33 Uhr)

    Herzlichen Glückwunsch, Frau Meschede, auch von mir!

    »In einer vernünftigen Welt wäre die Digitalisierung ein Grund, um zu feiern.«

    Was Sie sagen, stimmt. Und:

    Ihr konsequentes Verhalten ist beispielgebend.

    Ich schließe mich den bisherigen Kommentaren an.

    Viele Grüße

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