Aus: Ausgabe vom 04.10.2018, Seite 2 / Ausland

»Wir wollen weiter arbeiten, das ist alles«

Perus Hauptstadt will öffentliche Reinigungskräfte entlassen. Streik gegen schlechte Arbeitsbedingungen dauert an. Ein Gespräch mit Magdalena Jorge Vega

Interview: Eleonora Roldán Mendívil
RTS214OH.jpg
Protest in Lima gegen Korruption in öffentlichen Behörden (12.9.18)

In der peruanischen Hauptstadt Lima streiken die Reinigungsarbeiterinnen und -arbeiter. Wann und warum haben die Kämpfe begonnen?

Unser Kampf dauert seit mehr als vier Jahren an. Wir sind sogenannte Servicemitarbeiter – der öffentliche Reinigungsbereich der Stadt Lima wurde ausgelagert. Es gibt viele Kolleginnen, die seit mehr als zwanzig Jahren angestellt sind. Als wir erfuhren, dass der Vertrag der Stadt mit dem Unternehmen, bei dem wir angestellt sind, enden sollte, begannen wir unseren Protest. Wir wussten, dass wir bei Beendigung des Vertrages arbeitslos werden würden.

Ein erster Erfolg war die Einleitung eines Verfahrens gegen die Stadt Lima, das wir in zweiter Instanz gewannen. Das Gericht entschied, dass 709 Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Gewerkschaft der öffentlichen Reinigungsarbeiter namens Sitobur organisiert sind, direkt von der Stadt Lima eingestellt werden müssen. Anstatt das Urteil umzusetzen, will uns der Bürgermeister aber feuern lassen.

Wie sehen Ihre Arbeitsbedingungen aus?

Es gibt Kolleginnen, die für zwei oder drei Monate eingestellt werden. Grundlegende Arbeitsrechte fehlen in unseren Verträgen. Man arbeitet ein oder zwei Jahre lang und wird dann gefeuert. Früher haben wir von Montag bis Samstag Mittag gearbeitet. Der Sonntag war immer frei. Jetzt müssen wir jeden Tag der Woche arbeiten und haben einen wechselnden Ruhetag.

Zudem sind die Löhne miserabel. Arbeiter, die direkt von der Stadt Lima eingestellt werden, verdienen rund 1.600 Nuevos Soles Peruanos (ca. 415 Euro, jW) im Monat. Ich aber verdiene etwa 1.050 Soles (ca. 270 Euro, jW) – und das ist bereits das Ergebnis von Tarifverhandlungen. Die meisten meiner Kollegen, die in anderen peruanischen Gemeinden arbeiten, verdienen den Mindestlohn, der monatlich 930 Soles beträgt (ca. 240€, jW). Dieses Gehalt reicht nicht aus, um die grundlegenden Lebenserhaltungskosten zu bezahlen.

Die Mehrheit der öffentlichen Reinigungskräfte der Stadt Lima sind Frauen?

Das ist richtig. 70 Prozent der Arbeiter sind Frauen. Meistens Mütter und oft Alleinverdienende, die ihre Familien komplett eigenständig ernähren müssen. Wir haben in Peru kein Sozialsystem. Wenn die Arbeiterinnen jetzt entlassen werden, wären viele Familien in kürzester Zeit obdachlos.

In den letzten Tagen war die Reaktion der Stadt auf Ihre friedlichen Proteste recht brutal …

Wir hörten, dass die Stadt Lima eine Strategie der massiven Entlassungen für das öffentliche Reinigungspersonal formuliert hat. Das hat unseren Kampf noch radikaler gemacht. Die Verantwortlichen planten, dass wir nur noch bis zum 30. September arbeiten. Am vergangenen Donnerstag gab es eine Ratssitzung, auf der die Massenentlassung diskutiert wurde. Bis zum heutigen Tag sind wir aber noch nicht entlassen. Solange unsere Arbeitsplätze nicht sicher sind, protestieren wir weiter.

Wir wollen, dass die Stadt das Urteil des Gerichts umsetzt und uns einstellt. Das tut sie aber nicht. Stattdessen schicken uns die Repräsentanten der Stadt Lima die Polizei, damit diese uns mit Stöcken und Wasserwerfern einschüchtert. In den letzten Tagen wurden vermehrt Kolleginnen für kurze Zeit verhaftet. Auch ich wurde in Gewahrsam genommen. Eine ältere Kollegin wurde von sechs Polizisten brutal angegriffen. Wir geben aber nicht auf.

Wie ist die aktuelle Situation?

Wir stehen unter Spannung, weil wir nicht wissen, was mit uns passieren wird. Wir haben alles getan, was wir tun konnten. Wir haben den Kongress, das Frauenministerium, die Regierung, alle Gemeinderäte der Stadt Lima und sogar das Büro des Bürgerbeauftragten besucht. Wir sind überrascht von der Gleichgültigkeit des Bürgermeisters. Davon, dass er als Beamter so handeln kann. Es gibt offenbar niemanden in Peru, der das Gerichtsurteil durchsetzen kann.

Arbeit ist ein Menschenrecht, und deshalb verteidigen wir es bis zum Ende. Wir wollen weiterarbeiten, das ist alles. Es gibt Reinigungskräfte, die 50 oder 60 Jahre alt sind. Einige von ihnen sind krank, weil sie jeden Tag am Straßenrand arbeiten. In einem anderen Unternehmen werden sie keinen Job finden.

Magdalena Jorge Vega ist öffentliche Reinigungskraft in Lima und zweifache Mutter


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Ausland