Aus: Ausgabe vom 28.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Von heimischem Interieur

Im ehemaligen »Funkhaus Nalepastraße« läuft die »Red Bull Music Academy«

Von Rafik Will
S 10.jpg
Starway to Abbey Road? »Bedroom Studio« der RBMA in der Berliner Nalepastraße

Das »Funkhaus Berlin« im Stadtteil Oberschöneweide hat eine wechselvolle Geschichte. Eine leerstehende Holzfabrik wurde in den 50er Jahren nach Plänen des Architekten Franz Ehrlich zum »Funkhaus Nalepastraße« ausgebaut, dem zentralen Sitz des Rundfunks der DDR. 2005 wurde der Studiokomplex verramscht, er hat inzwischen einige Eigentümerwechsel hinter sich und wird zunehmend zum Ort für Konzerte und andere Events. Aktuell wird an dem historischen Ort die »Red Bull Music Academy«, kurz RBMA, veranstaltet. Die gibt es seit Ende der 90er einmal im Jahr für die Dauer von etwa fünf Wochen in wechselnden Metropolen. Die Orte müssen speziell sein, sagt Many Ameri, einer der Gründer, gegenüber jW, »in Rom waren wir zum Beispiel in einem Kloster, in Madrid war es ein ehemaliger Schlachthof und in Paris ein Museum«. Das Funkhaus an der Spree nennt er »einzigartig«: »Es sind zum Teil die am besten klingenden Räume der Welt, durchaus vergleichbar mit den Abbey Road Studios.«

Unter dem Logo des Namenssponsors sind wie jedes Jahr 60 Musiker versammelt, die in den Genuss einer Art Stipendium kommen. Ihnen werden Vorträge bekannter Musiker geboten, Instrumente und Studiotechnik zur Verfügung gestellt. Die Plätze sind begehrt: 5.000 Bewerbungen aus 100 Ländern gingen für dieses Jahr ein. Zum umfangreichen »Festival«-Begleitprogramm der RBMA an verschiedenen Orten der Stadt gehörte ein ausverkauftes Gespräch mit Janelle Monáe im Theater im Delphi in Weißensee (Videostream auf der Festivalseite ). Die Soul- und Funksängerin sprach über ihr im April erschienenes afrofuturistisches Album »Dirty Computer« – auch darüber, was der Titel bedeuten soll. »Dirty Computers« sind im Sinne ihrer Digitalanalogie Personen, die wegen Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder sonstiger Freakhaftigkeit von der Mehrheitsgesellschaft als »fehlerhafte« Individuen diskriminiert werden. Laut Monáe gilt es nicht, solche Schadsoftware zu reparieren; sie sollte vielmehr selbstbewusst gefeiert werden.

Es ging in dem Gespräch auch um den Einfluss namhafter Musiker, um die Mentorenschaft von Prince zum Beispiel. Eine Anekdote gab es zur Mitwirkung von Brian Wilson. Der Beach-Boys-Musiker wurde für eine Kollaboration beim Titelsong »Dirty Computer« angefragt. Die Antwort fiel positiv aus, Wilson bat um ein Tape mit dem Stück, zu dem er etwas beitragen sollte. Es wurde trotzdem was aus der Zusammenarbeit. Überhaupt sieht Monáe auch weiße, heterosexuelle Cis-Männer als Kampfgenossen für eine offene Gesellschaft, besonders begeistert äußerte sie sich über David Byrne von den Talking Heads, der ihren 2015 entstandenen Protestsong »Hell You Talmbout?« in sein Live-Repertoire aufgenommen hat.

Dass Monáe ihre progressiven Statements unter einem großen, silbernen Red-Bull-Logo abgab, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Die RBMA gibt sich weltläufig, Red Bull ist ja auch eine internationale Marke. Dem Gründer und Besitzer Dietrich Mateschitz aber liegt – zumindest in Österreich – die Selbstvermarktung als Heimatliebhaber am Herzen. Sein Sender Servus TV zum Beispiel fiel in den letzten Jahren vor allem dadurch auf, dass er von der rechtsextremen FPÖ für ausgewogene Berichterstattung gelobt wurde. Auch wurde über den von Mateschitz ins Leben gerufenen Verein »Quo vadis veritas?« voriges Jahr die Internetplattform Addendum gegründet, die ergänzen will, »was fehlt« – in der »Lückenpresse«, versteht sich. Milliardär Mateschitz wirbt auch schon mal um Verständnis für Trump, wettert gegen »die Eliten« und spricht sich offen gegen offene Grenzen aus.

Die RBMA und ihre Events laufen noch bis Mitte Oktober. Unter anderem wird es noch einen Vortrag des Rappers Pusha T geben. Die Räume in der Nalepastraße hat RBMA standesgemäß »von heimischen Interior-Designern gestalten« lassen, wie Many Ameri sagt. Die neue Inneneinrichtung erinnert an das Bauhaus und soll ihm zufolge »im Einklang mit der Historie stehen, aber auch eine neue Ebene reinbringen, sich abheben«. Im übrigen sei die Idee immer, »dass das, was wir (…) an Infrastruktur und Netzwerk reinbringen, auch zurückbleibt«. Die neue Studioverkabelung wird also nicht wieder rausgerissen.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton