Aus: Ausgabe vom 27.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Polizeiknüppel und Vergnügen

Kritischer Realismus oder wie alles begann: 50. Geburtstag der Westberliner Galerie Poll

Von Matthias Reichelt
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Die Erkenntnis, dass bereits in der Gleichzeitigkeit von gesellschaftlicher Tragödie und Komödie Gewalt steckt, machte Peter Sorge zum Bild (»Sinai«, Radierung von 1968)

Seit fünf Jahrzehnten bieten Eva und Lothar C. Poll mit ihrer Galerie dem kritischen Realismus einen festen Platz in der Berliner Kulturlandschaft. Begonnen hatte alles am 8. Oktober 1968 in einem Charlottenburger Altbau mit einer Ausstellung von Peter Sorge. Fast 50 Jahre später erinnert die Galerie Poll mit einer Ausstellung dieses, 2000 im Alter von nur 63 Jahren verstorbenen Künstlers, an ihre Anfänge.

Die finden sich im Umfeld der Produzentengalerie »Großgörschen 35«, die von 1964 bis 1968 so etwas wie die erste Boygroup der Westberliner Kunstszene war und der unter anderem Markus Lüpertz, Karl Horst Hödicke, Peter Sorge und Wolfgang Petrick angehörten. In der Gruppe gab es zu dieser Zeit bereits Spannungen, und auch der Anwalt Lothar C. Poll, der ab 1966 als Geschäftsführer und Schlichter eingestiegen war, konnte sie irgendwann nicht mehr ausgleichen. Zusammen mit Eva Poll gründete er nach dem Ende von »Großgörschen 35« eine eigene Galerie und wollte damit auch das von den Künstlern des kritischen Realismus Begonnene weitertragen.

Das 50jährige Jubiläum greift diese Zeit nun mit einer Ausstellung von Peter Sorge wieder auf. Gesellschaftliche Gewalt, Polizeiknüppel gegen Demonstranten, der Krieg in Vietnam, all das hatte Sorge verknüpft mit Szenen intimer Erotik und vergnügten Lachens. Seine drastischen und politischen Bilder zeigen parallele Geschehnisse und nehmen sich der Gleichzeitigkeit von Medien, Politik und privater Welt an. Die Erkenntnis, dass bereits in der Gleichzeitigkeit von gesellschaftlicher Tragödie und Komödie Gewalt steckt, machte Sorge zum Bild.

Malerei, Zeichnungen und Radierungen gehörten gleichermaßen zu seinem Werk. Obwohl er eine Lehrerausbildung an der Hochschule für bildende Künste in Berlin absolviert hatte, übte er den Beruf nicht aus und widmete sich Ende der 1960er Jahre ganz seiner Kunst. 1972 formulierte Sorge über seine Montagen: »Ich möchte, dass die Leute das optische Angebot, das sie jeden Tag vorgeschüttet bekommen, nicht Seite für Seite konsumieren und wieder vergessen, sondern durch befremdliche Kombinationen dieses Angebots betroffen werden und vielleicht gar ›Denkanstöße‹ erhalten.« Beispielhaft für diesen didaktischen Ansatz ist die kleine Radierung »Sinai« von 1968, die eine Fotoaufnahme aus dem Sechs-Tage-Krieg, die einen getöteten Soldaten und Panzer zeigt, mit einem lachenden Mund kombiniert.

Die Galerie Poll, wo mit Tochter Nana bereits die nächste Generation in die Leitung eingestiegen ist, hat sich aber längst aus dem engen Rahmen des »kritischen Realismus« der Berliner Schule befreit und ihr Programm um Fotografie, bildhauerische Positionen und Werke anderer figurativer Malerinnen und Maler erweitert. Die Galerie zog 1974 für fünf Jahre an den Kurfürstendamm, nach zwei weiteren Ortswechseln residiert sie nun in der Gipsstraße. Bereits in den 1980er Jahren hatten die Polls eine Kunststiftung gegründet, die ihre Sammlung mit Arbeiten von 60 Künstlerinnen und Künstlern verwaltet. Auch kunstpolitisch nahm die Galerie Einfluss, Eva Poll war 1968 an der Gründung der »Interessengemeinschaft Berliner Kunsthändler« beteiligt, die heute als »Landesverband Berliner Galerien« existiert.

Als eine Jury des 1996 gegründeten »Art Forum Berlin« die Galerie Poll 1999 kurzerhand von einer Messebeteiligung ausschloss, klagte sie erfolgreich dagegen, ließ jedoch ihre juristisch erstrittene Koje demonstrativ leerstehen. Mit dieser Aktion bewies sie Haltung und protestierte klar und deutlich gegen eine schnöselhafte und blasierte Ignoranz von Neuberlinern, die ebenso wie Kunst-Werke-Gründer Klaus Biesenbach meinten, die internationale zeitgenössische Kunst habe erst mit ihnen in den 1990er-Jahren Einzug in die Stadt gehalten.

»Does sex cause cancer? Ein Querschnitt durch das Werk des Berliner Realisten Peter Sorge« und »Editionen, Plakate und Drucksachen aus 50 Jahren Galerie Poll, gegründet 1968 in Westberlin«, bis zum 3. November 2018.

Poll Galerie und Kunsthandel in Berlin GmbH, Gipsstr. 3


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