Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Ernährung, Krieg und Massengewalt

Der Historiker Christian Gerlach wendet sich gegen die ideologiezentrierte Analyse der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden

Von Werner Röhr
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Eskalation nach dem Überfall auf die Sowjetunion: Im »Todeszug von Iași« starben Ende Juni 1941 etwa 1.400 rumänische Juden

Der US-amerikanische Historiker Raul Hilberg konnte 1961 erstmals seine Rekonstruktion des Gesamtprozesses der nazistischen Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden als Buch vorlegen. Seine Analyse basierte vor allem auf den Quellen der Täter, also der Planer und Organisatoren, der Mörder vor Ort sowie ihrer Auftraggeber und Helfershelfer. Hilberg galt zu Recht als bester Kenner dieser Quellen, er hatte sie so umfassend wie nur möglich ausgegraben und studiert. Die Frage nach den Ursachen des millionenfachen Mordes aber sparte er aus. Seine Rekonstruktion des Geschehens ist bis heute unübertroffen. Zunächst aber war sein Buch für europäische Historiker ein Geheimtip und lange Zeit nicht verfügbar. Den deutschen bürgerlichen Geschichtsverlagen passte es fast dreißig Jahre lang »nicht ins Programm«. Der linke Westberliner Verlag Olle & Wolter brachte 1982 eine erste deutsche Ausgabe heraus, die sich schlecht verkaufte und den kleinen Verlag ruinierte.

Mit seinem Gegenstand und seiner liberalen Haltung als kritischer Wissenschaftler konnte Hilberg auch in den USA keine große Karriere machen. Faschismusforschung war dort politisch nicht attraktiv gegenüber einer dominierenden radikal antikommunistischen Totalitarismusforschung. Deren Verfechter hielten die systematische Untersuchung der Verbrechen des Faschismus an den Juden für kommunismusverdächtig. Als die »Holocaustforschung« in den USA ab etwa 1980 eine Riesenkonjunktur erfuhr und sich überall Lehrstühle und Museen mit dem Massenmord an den Juden befassten, ging das an dem großartigen Forscher vorbei. Er war nicht bereit, die nunmehr modische Theologisierung des Judenmords zum negativen Gipfelpunkt der Weltgeschichte zu befördern.

Obwohl es inzwischen weltweit ganze Bibliotheken mit Spezialliteratur zu Prozessen, Regionen, Opferzahlen und Einzelheiten des Massenmords der Nazis an den europäischen Juden gibt, haben sich nach Hilberg nur wenige empirisch arbeitende Historiker an eine Gesamtdarstellung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden gewagt.

Viele Akteure und Motive

Der Historiker Christian Gerlach gehört dazu. Er ist seit 2008 Professor für Zeitgeschichte in globaler Perspektive an der Universität Bern. Für seine 2017 veröffentlichte Untersuchung hat er sich mit zwei älteren, preisgekrönten Arbeiten entscheidende Voraussetzungen erarbeitet. Seine Bücher »Kalkulierte Morde« und »Extrem gewalttätige Gesellschaften« dokumentieren diese Vorstufen. Zum einen geht es in ihnen um die Morde in dem an Rohstoffen armen Belorussland, das dennoch hinsichtlich der Opferzahl eines jener von der Wehrmacht besetzten Länder war, die die strategischen Kalküle der deutschen Kriegführung mit Hekatomben von Toten bezahlen mussten. Zweitens zeigte der Historiker schon in »Kalkulierte Morde«, welche Akteure nicht nur Erfüllungsgehilfen, sondern eigenständig Handelnde waren.

Der Mainstream anderer Gesamtdarstellungen und vieler thematisch oder regional eingeschränkter Spezialarbeiten zeichnet sich bei allen ihren Besonderheiten durch gemeinsame Merkmale aus, die Gerlach mit seiner Arbeit überwinden will. Die meisten Autoren untersuchen den nazistischen Judenmord mehr oder weniger für sich, ohne, um es salopp zu sagen, allzu intensiv auf parallele oder ähnliche Gewalttaten zu schauen und sie zu vergleichen.

So kritisiert Gerlach vor allem, dass der gleichzeitige Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen vielen Historikern aus den Augen gerät. Zweitens erklären viele Autoren den Judenmord unmittelbar aus der Judenfeindschaft – als ob das Ziel der nazistischen Judenverfolgung von Anfang an und unverändert im Völkermord bestanden hätte. Gerlach zeigt, dass die Ziele der antijüdischen Politik sich in direkter Abhängigkeit vom Charakter und Verlauf des Krieges gegen die Sowjetunion änderten.

Ein dritter zentraler Punkt, den er an den meisten Arbeiten über die Verfolgung und Vernichtung der Juden bemängelt, ist die einseitige Zentralper­spektive auf den deutschen Staatsapparat und dessen Aktionen. Dadurch blieben viele Akteure unberücksichtigt. Viertens kritisiert er, dass viele Autoren eine rein geistesgeschichtliche, aus der Naziideologie abgeleitete Begründung des Massenmords für ausreichend halten und weitere, etwa auch ökonomische Gründe von vornherein ausschließen, ohne im einzelnen konkret-historisch zu prüfen, inwiefern der Judenmord die bequemste und im Rahmen ihrer Ideologie auch naheliegendste Lösung für andere, meist selbstproduzierte Schwierigkeiten war: Nachschubprobleme einer Heeresgruppe, Mangel an Nahrungsmitteln im »Generalgouvernement«, unzureichende Besatzungskräfte. Gerlach verweist immer wieder auf die zentrale Rolle des sogenannten Hungerplans, also der Absicht, Millionen Sowjetbürger verhungern zu lassen, und die Ernährungspolitik als Schlüssel für den Judenmord und den Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen und vielen weiteren Gruppen.

Die Einseitigkeiten des Mainstreams in der Forschungsliteratur über die Judenverfolgung und -ermordung überwindet Gerlach durch seinen neuen, originellen Forschungsansatz. Sein Buch ist zweifellos das seit Hilberg wichtigste und bedeutendste Werk zum Thema. Es ist keine Gesamtdarstellung im strengen Sinne, wie sie Hilberg und andere Autoren gegeben haben. Es ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern reiht Kapitel zu inhaltlichen Problemen der Zusammenhänge des Judenmordes aneinander. Er selbst nennt es eine Synthese. Das heißt, er behandelt die Chronologie des Vernichtungsprozesses nur kursorisch im Zusammenhang mit den militärischen Planungen von »Barbarossa«, dem dem Feldzug immanenten »Hungerplan« und dem Verlauf des Kriegsgeschehens. Synthese heißt hier, die Zusammenhänge zwischen Judenmord und anderen Strängen der deutschen Kriegführung und Besatzungspolitik aufzuzeigen, so mit der Widerstandsbewegung und deren Bekämpfung, mit der Unterstützung der Massenvernichtung durch einheimische Kollaborateure, mit Zwangsarbeit, Enteignung und Naziideologie.

Die Logiken der Vernichtung erörtert Gerlach jeweils in eigenen Kapiteln, ebenso die Strukturen und die Akteure. Die Themenkomplexe sind Kriegführung, Besatzungspolitik, Außenpolitik, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die Verfolgung nichtjüdischer Opfergruppen und die Überlebensstrategien jüdischer und anderer Verfolgter. Im Durchgang zeigt sich: Der Mord an Juden erschien verschiedensten Akteuren als naheliegende praktikable Lösung für ganz unterschiedliche Probleme, egal, ob es sich um fehlenden Nachschub an der Front, um Ernährungsnöte der Regierung des »Generalgouvernements« oder die Konsequenzen des »Hungerplans« für die Stadt Leningrad handelte. Und es zeigt sich einmal mehr: Am Massenmord an den europäischen Juden waren viele Akteure mit sehr unterschiedlichen Interessen und Motiven beteiligt.

Überlegener Ansatz

In seine Synthese bezieht Gerlach nicht nur Kapitel zu gegenständlichen Zusammenhängen ein, sondern erörtert in eigenständigen Abhandlungen auch einige der Fragen, die in der bisherigen Literatur zum Gegenstand kontrovers behandelt wurden, zum Beispiel, ob diese Verbrechen ökonomisch widersinnig waren, wann und warum 1941 der bereits in Gang gesetzte Massenmord auf Frauen und Kinder ausgedehnt und damit zum Völkermord ausgeweitet wurde, oder warum gerade Litauen zum ersten Experimentierfeld der Täter wurde, dessen jüdische Bürger noch vor denen Polens umgebracht wurden.

Gerlach hat seinen Ansatz prägnant zusammengefasst: »Dieses Buch bietet eine spezielle Perspektive auf die Vernichtung der europäischen Juden. Es stellt die Judenverfolgung in den Kontext voneinander abhängiger Maßnahmen bezüglich Kriegführung, Besatzung und Polizeiüberwachung, sozialer Fragen, Wirtschaft, rassistischer Ideologie und Populärrassismus. Die Studie beschreibt die Ermordung der Juden auch als Teil der massiven Gewalt gegen andere Gruppen und versucht zwischen diesen unterschiedlichen Formen der Gewalt Verbindungen herzustellen. Damit hebt sie sich von Narrativen ab, die die Verfolgung und Ermordung der Juden allein untersuchen und das Schicksal anderer Gruppen wenig beachten, auf ideengeschichtlicher Grundlage mit relativ wenig anderer Kontextualisierung.«

Christian Gerlach ist ein würdiger Nachfolger Raul Hilbergs. Seine monumentale Studie beweist die Fruchtbarkeit und Überlegenheit seines Ansatzes gegenüber allen ideologiezentrierten Mystifizierungen des Judenmords. Und sie ist angesichts der gegenwärtig auf diesem Erdball verübten Massengewalt von großer Aktualität.

Christian Gerlach: Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen. C. H. Beck, München 2017, 576 Seiten, 34,95 Euro


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