Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Berlin, eine zivilisatorische Grundfrage

Von Erwin Riess

Vorsichtig bog der Dozent mit seinem Rad um eine Hausecke und sah Groll vor einem Elek­tronikgeschäft stehen.

»Geschätzter Freund! Schön, dass ich Sie treffe.«

»Verehrter Herr Dozent, stören Sie mich nicht. Ich kämpfe gerade mit einer zivilisatorischen Grundfrage.«

»Das freut mich für Sie«, erwiderte der Dozent und stieg ab. »Guten Tag, im übrigen.«

Anstelle einer Antwort breitete Groll einen Prospekt aus. Der Dozent rückte näher. »Sind Sie auf der Suche nach einem elektronischen Hilfsmittel?«

»Man könnte es so nennen. Ich soll für meinen Nachbarn einen elektronischen Maulwurfschreck besorgen.«

Maulwurfshügel seien zwar für den Rasen schlecht, sie lockerten aber die Erde auf, meinte daraufhin der Dozent.

»Es geht nicht um den Rasen, es geht um das Wohnzimmer«, sagte Groll ernst. »Der dritte Maulwurfshügel in einer Woche. Mitten im Raum, alle in einer Linie und alle am frühen Abend geworfen. Es scheint, als wäre der Maulwurf Anhänger der Kultsendung ›Mitten im Achten‹«

»Ich glaube Ihnen kein Wort«, entgegnete der Dozent. »Dennoch möchte ich Sie fragen, wie es Ihnen in Berlin ergangen ist?«

»Danke, gut«, antwortete Groll. »Die Stadt ist eben, weitläufig, gut asphaltiert und sie hat einen guten Rhythmus. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dort einige Zeit zu verbringen. Vorher muss allerdings noch eine zivilisatorische Grundfrage geklärt werden.«

»Ich höre«, sagte der Dozent und holte Notizblock und Stift hervor.

Es handle sich um eine Frage zum Wesen der wissenschaftlich-technischen Revolution, sagte Groll. Nämlich: In welchem Ausmaß tragen elektronische Methoden zur Erschwerung des Alltags bei? Den verdutzen Blick seines Bekannten ignorierend, fuhrt Groll fort. Er sei in den letzten Tagen mehrfach mit diesem Phänomen konfrontiert worden. Der erste Vorfall betreffe den Gerasdorfer Badeteich. Dort habe man nach Jahren klaglos funktionierender Eintritts- und Jahreskarten elektronische Kärtchen ausgegeben. Parallel dazu sei die Anlage, einem Gefängnis gleich, mit unüberwindlichen Stahlzäunen und übermannshohen Drehkreuzen ausgestattet worden. Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwägen habe man allerdings vergessen. Durch das fix montierte Drehkreuz sei ein Zutritt unmöglich. »Nicht nur das. Wer das Drehkreuz Richtung Parkplatz passiert, um etwas aus dem Auto zu holen, darf erst nach einer längeren Zeit wieder hinein. Vorher verwehrt die Elektronik den Zugang.

Ebenfalls in diesen Tagen gab der elektronische Gasring in meinem Wagen den Geist auf. Das viertausend Euro teure Gerät muss jedes Jahr um achthundert Euro repariert werden, ansonsten hüpft und stolpert der Wagen beim Anfahren wie ein wildgewordener Ziegenbock. Die Elektronik ist nicht in der Lage, das Gas ruckfrei zu dosieren.«

Groll seufzte. »Das alte, mechanische Gerät kostete nur ein Viertel des elektronischen, aber es hielt Jahrzehnte, war leicht reparierbar und konnte in neuen Autos weiterverwendet werden. Das neue, obligatorisch vorgeschriebene dagegen ist ein Quell dauernden Ärgers.

Zuletzt führe ich ein Beispiel aus Berlin an. Dort, im Hotel Mondial – einem vorbildlich barrierefreien und gut geführten Haus –, sorgt eine elektronisch gesteuerte WC-Anlage für Verwirrung. Die Spülung funktioniert nur, wenn man aufsteht und sich rasch vom WC entfernt. Rollstuhlfahrer kommen indes nicht in den Genuss der Spülung, denn die Spülelektronik betrachtet deren Verrenkungen beim An- und Auskleiden nicht als Grund, tätig zu werden. Auch das spätere Schwenken der Hand vor dem Sensor, ein gesummtes Marienlied oder diverse Anfeuerungsrufe von den Fußballplätzen dieser Welt setzen die Spülung nicht in Gang. Man muss einen gehenden Menschen bitten, sich kurz auf die Klobrille zu setzen und dann mit schnellen Schritten zu enteilen. Nur dann wird man von einem fröhliches Rauschen erfreut.«

»Ein mühsames Unterfangen«, sagte der Dozent und fügte hinzu: »Die Tücken der Elektronik sind eben der Preis für ihre unbestrittenen Segnungen.«

»Mag sein«, erwiderte Groll. »Dennoch war das Leben früher, als man noch unbeschwert den Badeteich besuchen, aufs Klo gehen und mit dem handgasgesteuerten Wagen fahren konnte, nicht so schlecht.«

»Und da kaufen Sie einen elektronischen Maulwurfschreck?« Der Dozent griff nach seinem Rad.

»Nicht für mich«, sagte Groll. Der Nachbar ist Computerspezialist, ein Mann der Wissenschaften und des Fortschritts.

Der Dozent stieg aufs Rad: »Sie beklagen doch auch immer wieder Maulwurfshügel in Ihrem Garten.«

»Ich klage nicht nur. Ich tue etwas dagegen.«

»Was?«

»Ich stecke eine leere Bierdose auf einen Eisenstab, den ich vorher in das Gras ramme. Bei Wind und Regen vertreibt das blecherne Scheppern jeden Störenfried.«

»Und bei Windstille und Trockenheit?« Der Dozent schwang sich aufs Rad. Groll schwieg. Er hatte die zivilisatorische Grundfrage für sich noch nicht geklärt.


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