Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Es wird Staub gesaugt

Lehrstück zum Thema »Haushaltsführung«: Am Hamburger Thalia-Theater wird die RAF bewältigt

Von Lothar Zieske
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»Wobei nur Corinna über eine Küche verfügt« (Probenfoto)

»Für die RAF war er das System, für mich der Vater«, sagte die Tochter des 1977 erschossenen Bankmanagers Jürgen Ponto 30 Jahre später, und dessen früherem Patenkind Julia Albrecht kam das vor »wie eine Stimme aus einer anderen Welt«. So beginnt das Buch »Patentöchter« (2011), in dem die beiden Frauen beschreiben, wie sie einander näherkamen. Die Oberhäupter beider Familien verband eine Jugendfreundschaft. Deshalb empfing der Bankchef im Juli 1977 Julia Albrechts ältere Schwester Susanne, deren Begleiter von der RAF die tödlichen Schüsse abgaben. Nun ist das Buch, das Julia Albrecht und Corinna Ponte über ihre zaghafte Annäherung im Privaten schrieben, am Hamburger Thalia-Theater unter der Regie von Gernot Grünewald auf die Bühne gebracht worden (zum zweiten Mal nach 2013 im Theater unterm Dach in Berlin).
Das Bühnenbild stellt eine Art Bungalow dar, in den man von außen hineinsehen kann. Die Wohnfläche ist nahezu symmetrisch geteilt. In jeweils einer der beiden Hälften bewegen sich »Julia eins bis drei« und »Corinna eins bis drei«, wobei nur die Seite der Corinnas auch über eine Küche verfügt. Der Raum über dem Flachbau dient als Projektionsfläche für Videos, die das Geschehen im Inneren ausschnitthaft und vergrößert wiedergeben.
Das Stück rekonstruiert zunächst die Umstände der Tat, führt dann in schlichter Lesung in den Versuch Julia Albrechts ein, über Corinna den Kontakt zur Familie Ponto aufzunehmen. Bis dahin ist alles klar und überschaubar. Was sich im folgenden auf der Bühne abspielt, könnte jedoch als Lehrstück zum Thema »Haushaltsführung« durchgehen. Vor allem in der Küche wuseln die drei Corinnas herum, waschen ab, tragen Geschirr hin und her usw. Auf der anderen Seite des Baus sind die drei Julias schwerpunktmäßig im Wohnzimmer tätig: Tischtücher werden zusammengelegt, ein Tisch wird gedeckt, es wird Staub gesaugt. Dazu wird viel geredet, wobei Sätze zigfach wiederholt und dabei gern auch durcheinander gesprochen werden. Persönliche Betroffenheit wird so wohl nachvollziehbar, aber theatralisch ist sie ein undankbares Motiv, und die Handlung kommt nicht voran. Daran ändert es wenig, wenn »Julia drei« mitunter Julias Mutter spielt oder »Corinna drei« Briefe vorliest.
Dies alles ist wenig bühnentauglich, wäre aber noch hinzunehmen. Ein Einschnitt ergibt sich im chronologischen Ablauf, als Susanne Albrecht im Juni 1990 in der DDR auffliegt und wenig später vor Gericht gestellt wird. Hier wird das Stück auf einmal politisch. Julia wirft ihrer Schwester vor, sie gäbe die verführte Unschuld – ein nachvollziehbarer Vorwurf, wie ich meine. Corinna wiederum bekommt – wenn auch nur kurz – Gelegenheit, ihre Überzeugung auszudrücken, die RAF sei ein Geschöpf der Stasi gewesen.
So erweist sich die Aufführung als in zweierlei Hinsicht enttäuschend: Die psychologischen Aspekte der Sache werden durch zuviel Hinundherlaufen, übermäßige Geschäftigkeit und Durcheinanderreden nicht eben deutlicher, das Politische wird nur angeklebt; da steht die holzschnittartige Sichtweise Corinna Pontos einfach nur neben der vergleichsweise differenzierten von Julia Albrecht. Die achtbaren Leistungen der Schauspielerinnen müssen unter diesen Umständen verpuffen.

Nächste Aufführungen: 5. u. 9.10., Thalia-Theater in der Gaußstraße


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