Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Stockholm-Patient des Tages: Alexis Tsipras

Von Claudia Wangerin
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Kuscheln mit der Politikerin, die für den zerstörerischen Kürzungs- und Privatisierungskurs in Griechenland maßgeblich verantwortlich ist: Alexis Tsipras und Bundeskanzlerin Merkel im Februar in Brüssel

Vor gut einem Monat berichtete selbst die Deutsche Welle, das griechische Gesundheitssystem sei nicht gesund-, sondern fast totgeschrumpft worden, seit die Syriza-Regierung dem Druck der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds nachgegeben hat. Wenige Tage danach erschien im österreichischen Kurier eine Reportage über die Folgen des Sparkurses für die einfache Bevölkerung Griechenlands. Tenor: Ohne Hilfe der Familie geht gar nichts. Ein Gemüsehändler beschrieb das Konsumklima: »Früher kauften meine Stammkunden drei Kilo Kartoffeln, ohne groß auf den Preis zu schauen. Heute schauen sie erstmal auf ihr Kleingeld und kaufen dann nur das Allernötigste.«

Bei der Durchsetzung des EU-­Spardiktats zur Bewältigung der griechischen Schuldenkrise spielten die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) 2015 eine tragende Rolle. Inzwischen muss Athen ohne internationale »Finanzhilfen« auskommen, die größtenteils sowieso nicht in den Staatshaushalt flossen, sondern auf die Konten der Gläubigerbanken. 2015 waren die Blätter des Springer-Konzerns besonders ruppig mit dem Land umgegangen, das deutsche Soldaten gut 70 Jahre zuvor verwüstet hatten. »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen«, forderte etwa die Bild.

Der griechische Premier Alexis Tsipras, einst ein linker Hoffnungsträger, hat sich dennoch breitschlagen lassen, für Springers Welt am Sonntag zu deren 70. Geburtstag einen Gastbeitrag unter dem Motto »Denk ich an Deutschland« zu verfassen. »Wir haben mit Kanzlerin Merkel eng zusammengearbeitet um unsere gemeinsamen europäischen Herausforderungen zu bewältigen«, redet Tsipras die Erpressung seines Landes schön. Psychologen nennen so etwas Stockholm-Syndrom, seit sich bei einer Geiselnahme in der schwedischen Hauptstadt Opfer mit Tätern solidarisierten.


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