Aus: Ausgabe vom 22.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Sonnyboy und Friedenskämpfer

Ein Superstar in ganz Osteuropa: Dean Reed wäre am Samstag 80 Jahre alt geworden

Von F.-B. Habel
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»Superstar in ganz Osteuropa«: Dean Reed im August 1976

Vor 15 Jahren wurde DEFA-Regisseur Günter Reisch von einer US-amerikanischen Produktionsfirma gebeten, einen Kollegen zu empfangen, der zu jener Zeit in Berlin arbeitete. Nicht schlecht staunte der Altmeister, als dann Tom Hanks vor ihm stand! Der führte Gespräche mit Zeitzeugen, die Dean Reed gut gekannt hatten, etwa seiner Witwe Renate Blume oder dem Exstaatsratsvorsitzenden Egon Krenz.

Reisch war mit Reed befreundet gewesen und hatte mit dem Publikumsliebling des sozialistischen Lagers gemeinsam dessen letzten Film vorbereitet. Kurz vor Drehbeginn im Sommer 1986 war der US-Amerikaner mit einer Medikamentenüberdosis im Blut tot im Zeuthener See gefunden worden. Hanks war fasziniert von der Geschichte dieses Mannes, der ein Plattenstar in Lateinamerika war, Filmstar in Italien und Spanien, und allgemein ein Superstar in ganz Osteuropa, den aber in seiner US-amerikanischen Heimat fast niemand kannte. Seither wurde immer wieder gemunkelt, der Hollyoodstar würde seinen Dean-Reed-Film bald drehen. Aber als dpa vor Reeds 80. Geburtstag bei Hanks’ Büro nachfragte, hieß es, das Projekt sei gestorben. Schade!

Nach einem Schauspielstudium in Hollywood und dem ersten Plattenvertrag 1958 hatte sich der aus Colorado stammende Sonnyboy langsam nach oben gearbeitet. Kleinen Erfolgen in den Charts und TV-Auftritten folgte ein Nummer-eins-Hit in Argentinien, und seine Plattenfirma schickte ihn auf Lateinamerikatournee, wo er mit großen sozialen Gegensätzen konfrontiert wurde.

Er begann, sich für die Unterdrückten und Entrechteten zu engagieren, trat im Weltfriedensrat auf, wurde in die Sowjetunion eingeladen, wo er als erster US-Rockstar von einem Millionenpublikum gefeiert wurde. Aus Argentinien wurde Reed 1966 wegen prokommunistischer Aktivitäten ausgewiesen und lebte fortan in Europa. Bis an sein Lebensende engagierte er sich jedoch in Lateinamerika, besonders in Chile, wo er die Volksfront Salvador Allendes unterstützte und sich mit vielen Aktionen auch nach dem Putsch solidarisch mit den Arbeitern des Landes zeigte. Sein DDR-Fernsehfilm »El Cantor« von 1977 zeugt von diesem Engagement und ist gleichzeitig der einzige, in dem er als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller fungierte.

Mit einem Film über die chilenische Unidad Popular war Reed 1971 erstmals in die DDR gereist und nahm am Leipziger Dokfilmfestival teil. Nun kam vieles zusammen: die Begeisterung, die ihm entgegenschlug, die Liebe zur DDR-Bürgerin Wiebke Dorndeck, die Möglichkeit, in einem Land zu leben, in dem der Sozialismus aufgebaut wurde – und vielleicht war es auch die Nähe zu Westberlin, wo er gelegentlich untertauchen konnte. Reeds Antrag auf ständigen Wohnsitz in der DDR wurde angenommen, er drehte Filme, hatte eine eigene Fernsehshow und nahm in Prag Schallplatten auf – immer mit dem Ziel, völkerverbindend zu wirken.

Am Samstag vor 80 Jahren wurde er geboren, und am Sonntag bringt das MDR-Fernsehen dreimal 90 Minuten Reed. Schon vormittags läuft sein Indianerfilm »Blutsbrüder«, ab 20.15 Uhr heißt es »Ein Abend für Dean Reed«, mit Zeitzeugen wie Gisela Steineckert und erstmals auch seiner US-amerikanischen Tochter Ramona. Schließlich erinnert zu später Stunde Leopold Grüns Dokumentarfilm »Der Rote Elvis« von 2007 an den innerlich zerrissenen Künstler und leidenschaftlichen Friedenskämpfer.


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