Aus: Ausgabe vom 21.09.2018, Seite 15 / Feminismus

Frauen machen Geschichte

2.000 Menschen nahmen an erster Feministischer Sommeruni an der Berliner Humboldt-Universität teil

Von Sandra Schönlebe
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Prominenter Podiumsgast: Die feministische Rapperin Sookee

Für die erste Feministische Sommeruni in Berlin gab es zwei historische Anlässe: In diesem Jahr feiern das Frauenwahlrecht sein 100. und die Neue Frauenbewegung in Deutschland ihr 50. Jubiläum. Zwar konnten Frauen erst im Januar 1919 erstmals reichsweit wählen, die gesetzliche Grundlage wurde aber bereits im November 1918 geschaffen. Als Geburtsstunde der Neuen Frauenbewegung gilt der 13. September 1968 – auf dem Delegiertenkongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am Main wurden damals Männer, die keine Diskussion über Sexismus zulassen wollten, mit Tomaten beworfen.

In diesem doppelten Jubiläumsjahr wollten IDA, der Dachverband europäischer Frauen- und Lesbenarchive, sowie dessen neues Digitales Deutsches Frauenarchiv (DDF) aktuelle Forderungen in Sachen Gleichberechtigung mit Blick auf die Geschichte der Bewegung diskutieren. Motto: »Frauen machen Geschichte«.

Zu mehr als 60 Einzelevents waren von der spontan verhinderten Bundesfamilienministerin Giffey (SPD) bis zum linksradikalen Feminismusbündnis vielfältige Protagonistinnen angekündigt. Ob die Einladung einer Vertreterin der Bundesregierung angesichts der aktuellen Agenda hinsichtlich frauenpolitischer Themen noch feministisch ist, bleibt jedoch anzuzweifeln.

Da IDA ein europaweites Netzwerk ist, waren entsprechend viele Dokumentationszentren auf der Konferenz vertreten. So bot das Frauenstadtarchiv Dresden ein Erzählcafé zur Realität von Frauen während der deutschen Teilung an – und die Berlinerinnen vom »Spinnboden« und dem Helene-Lange-Archiv blickten auf Erfolge der Ersten Frauenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert zurück. Auch aktuelle Debatten wurden aufgegriffen, etwa durch die Gruppe »Madonna« aus Bochum, die als eingetragener Verein in Bochum Sexarbeiterinnen in Alltags- und Gesundheitsfragen berät sowie deren berufliche und kulturelle Bildung fördern will.

Das Gunda-Werner-Institut griff die Debatte um die Strafrechtsparagraphen 218 und 219a auf, die es Frauen noch immer verunmöglichen, in Deutschland legal Abtreibungen durchführen zu lassen beziehungsweise als Ärztinnen darüber zu informieren. Denn der Paragraph 219a verbietet »Werbung« für die offiziell rechtswidrigen, aber nach einer Pflichtberatung in den ersten zwölf Wochen straffreien Eingriffe.

Hinsichtlich der medizinischen, menschenrechtlichen und politischen Dimensionen dieser Rechtslage ergänzten sich die Diskutantinnen Alicia Baier von »Medical Students for Choice« (Medizinstudentinnen für Wahlfreiheit), Stefanie Schmidt, Beraterin der Weltgesundheitsorganisation, und Ulle Schauws, Bundestagsabgeordnete der Grünen.

Schauws lenkte den Fokus auf die Ankündigung der SPD, die Bundestagsabstimmung über das umstrittene Gesetz gegen die Information über Schwangerschaftsabbrüche im Herbst freizugeben, wenn sich bis dahin keine zufriedenstellende Einigung in der großen Koalition mit CDU und CSU ergebe. Sie rief dazu auf, Briefe an die Abgeordneten der Partei zu schreiben, um sie an dieses Versprechen zu erinnern.

Die unbestritten am besten besuchte Veranstaltung war jedoch die Podiumsdiskussion über Feminismus und Sprache, was klar an den prominenten Sprecherinnen lag. Eingeladen war die fast schon legendäre Vertreterin des Feminismus der 1970er und 80er Jahre, Luise F. Pusch, Begründerin der feministischen Linguistik und Archivarin weiblicher Biographien mit ihrem Onlineprojekt Fembio. Neben ihr sprach die Rapperin Sookee, ebenfalls Linguistin und ähnlich berühmt wie Pusch in der »dritten Welle« der deutschen Frauenbewegung.

Angesichts der Klage gegen die Sparkasse, die sich weigerte, weibliche »Kunden« als Kundinnen zu bezeichnen, und der Überlegung, das Gender­sternchen in den Duden aufzunehmen, ist die feministische Sprachkritik durchaus ein Thema, bei dem sich auch auf offizieller Ebene etwas zu bewegen scheint.

Autorin Pusch unterstrich in der Diskussion, dass das große I eine feministische Errungenschaft sei, die – anders als das kleine i von »-innen« – die Männer mit einschließe. Wenn Frauen sich im generischen Maskulinum einbezogen fühlen sollen, könnten Männer dies doch auch mit dem generischen Femininum. Mit der Verwendung des Sternchens sei etwas Wertvolles verloren gegangen, die Errungenschaft der Frauen, sich selbst in der Sprache abzubilden. Als Kompromiss schlug sie die Verwendung eines Ausrufezeichens vor, das zumindest an das »I« erinnere.

Sookee bezog zuerst Position gegen den Gendergap, der ihrer Meinung nach die Trennung zwischen den Geschlechtern mit »irgend etwas Androgynem dazwischen« manifestiere, und sprach sich für das Sternchen als dreidimensionales Gebilde aus, welches alle Geschlechter gleichwertig abbilde und mitdenke.

Pusch entgegnete, dass es sich nicht um einen Konflikt zwischen Frauen und den anderen Geschlechtern handele, sondern um jenen zwischen Frauen und Männern, da sich Frauen immer mitgemeint zu fühlen haben, weshalb der sprachliche Kampf vorrangig auf diesem Feld zu führen sei. Durch die Abtrennung mit Hilfe des Sternchens seien Frauen weiterhin das Unnormale, weshalb die weibliche Form zum Normalen zu erklären sei.

Sookees Antwort war, dass es nunmehr die Zeit sei, die Zweigeschlechtlichkeit aufzugeben und das Sternchen zu nutzen, um keine weiteren Ausschlüsse zu produzieren und sich abseits des Patriarchats zu positionieren.

Einigen konnten sich beide darauf, dass eine stetige Veränderung von Sprache notwendig sei. Letztendlich erlebte man eine respektvolle Diskussion zwischen Vertreterinnen zweier verschiedener Generationen des Feminismus, die die Errungenschaften beider »Wellen« anerkennen können und dennoch solidarisch streiten.


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