Aus: Ausgabe vom 21.09.2018, Seite 4 / Inland

Tod in »Beechtown«

Journalist und Blogger im Hambacher Forst verunglückt. Landesregierung setzt Räumung aus, Hebebühnenverleiher entzieht Polizei Geräte

Von Wolfgang Pomrehn
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Transparent einer Mahnwache am Hambacher Forst bei Kerpen am Donnerstag

Im umkämpften Hambacher Forst im rheinischen Braunkohlerevier ist am Mittwoch nachmittag der Blogger und Journalist Steffen M. tödlich verunglückt, als er aus etwa 20 Metern Höhe von einer zwischen Bäumen aufgespannten Hängebrücke fiel. Über den Hergang gibt es unterschiedliche Angaben. Die für die seit Donnerstag vergangener Woche andauernde Räumung des Waldes zuständige Aachener Polizei behauptete am Mittwoch abend in einer Pressemitteilung, dass es zur Zeit des Unglücks keinen Polizeieinsatz in der Nähe gegeben habe. Die Waldbesetzer stellen die Situation in ihrem Blog anders dar. Demnach hat sich der Unfall im Baumhüttendorf »Beechtown« (»Buchenstadt«) ereignet, mit dessen Räumung die Polizei gerade beschäftigt war. Ein Sondereinsatzkommando sei dabei gewesen, einen Aktivisten in der Nähe der besagten Hängebrücke festzunehmen. Das Unfallopfer habe vermutlich zu diesem Geschehen eilen wollen. Am Mittwoch hatte Steffen M. auf seinem Twitter-Account unter dem Pseudonym »Vergissmeynnicht« geschrieben: »Nachdem die Presse in den letzten Tagen im #HambacherForst oft in ihrer Arbeit eingeschränkt wurde, bin ich nun in 25 m Höhe auf Beechtown, um die Räumungsarbeiten zu dokumentieren. Hier oben ist kein Absperrband.« Ein kurz vor seinem tödlichen Unfall eingestelltes Video zeigt Polizisten auf einer Hebebühne bei einem Räumungsversuch. Die Staatsanwaltschaft erklärte am Donnerstag, es gebe keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden.

Die Landesregierung hat nach dem Unfall den Polizeieinsatz vorerst ausgesetzt. Für Donnerstag abend hatte die Organisation »Campact« zu einer Mahnwache vor der NRW-Landesvertretung in Berlin aufgerufen. Im Vordergrund sollte die Trauer um den Verunglückten stehen. »Jetzt darf es aber nicht nach wenigen Tagen einfach weitergehen. Wir brauchen die Ruhe für eine politische Lösung, damit sich so etwas Furchtbares nicht wiederholen kann«, heißt es im Aufruf zu der Aktion.

Unterdessen hat der Eigentümer der Arbeitsbühnen seine Geräte zurückgezogen. »Da auch wir mit der Vorgehensweise im Hambacher Forst absolut nicht einverstanden waren und sind und wir auch den Einsatz unserer Bühnen dort nicht weiter rechtfertigen können, haben wir heute beschlossen, dass wir unsere Geräte dort stilllegen«, heißt es auf der Internetseite des Verleihers Gerken. Zu dem Schritt habe man sich entschieden, obwohl dies juristisch eigentlich unzulässig sei und das Unternehmen mit hohen Schadenersatzforderungen konfrontiert werden könne. Die Firma betont, dass sie die Geräte nicht an die Polizei, sondern an einen ungenannt bleibenden Dritten vermietet habe – und von diesem nicht über den Einsatzzweck informiert worden sei. Gerken verleiht seit Jahren an Montage- und Wartungsunternehmen in der Windenergiebranche und hat aus diesem Kundenkreis offenbar viele kritische Nachfragen erhalten, wie die Stellungnahme nahelegt.

Der Polizeieinsatz im Hambacher Wald gilt offiziell als Vollzugshilfe. Nach rund sechs Jahren Besetzung hatte das Düsseldorfer Bauministerium plötzlich die zuständigen Gemeinden aufgefordert, die Baumhäuser aus Gründen des Brandschutzes räumen zu lassen. Zur gleichen Zeit steckte die Bundeswehr versehentlich einen ihrer Truppenübungsplätze im westlichen Niedersachsen mit einen Raketentest in Brand. Der Test wurde durchgeführt, obwohl auf dem Gelände seit vielen Wochen erhöhte Waldbrandgefahr herrscht. Seit zwei Wochen brennt nun in der Nähe von Meppen das Gelände auf inzwischen acht Quadratkilometern. Das Löschen gestaltet sich schwierig, weil dort Munitionsreste verteilt sind. Nach Schätzungen von Umweltschützern sind durch den Brand bereits eine Million Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid freigesetzt worden. Das ist etwa die gleiche Menge, die von 25.000 lokalen Projekten eingespart wurde, die vom Bundesumweltministerium gefördert werden. Das Ministerium führt derzeit eine Aktionswoche unter dem Motto »So geht Klimaschutz« durch.


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