Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Nüchterne Reaktion

Abschuss eines russischen Flugzeuges

Von Arnold Schölzel
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Russisches Aufklärungsflugzeug vom Typ »Il-20«. Ein Flugzeug dieses Typs wurde am Montag über dem Mittelmeer während eines israelischen Angriffs auf Syrien abgeschossen

Wladimir Putin wird laut TASS am heutigen Mittwoch mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wegen des Abschusses eines russischen Aufklärungsflugzeuges durch die syrische Flugabwehr telefonieren. Eine Entschuldigung wird er nach Lage der Dinge nicht erhalten: Israel machte am Dienstag Syrien und den Iran für den Vorfall verantwortlich, nicht den eigenen Angriff auf Anlagen der syrischen Streitkräfte. Wie es scheint, wird der russische Präsident auch kein Schuldbekenntnis verlangen. Er sprach am Dienstag von einer »Verkettung unglücklicher Umstände«. Der Vorfall sei nicht vergleichbar mit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges durch ein türkisches am 24. November 2015. Das ist mehr als höflich.

Am Dienstag vormittag hörte sich das in Moskau noch anders an. Die höchsten Militärs sprachen von einem »feindseligen Akt« Israels, von einer »Provokation« und davon, dass es eine »angemessene Antwort« geben werde. Die Nüchternheit ihres Oberkommandierenden steht dazu in auffälligem Kontrast. Neu ist dessen von Abwägungen bestimmtes Verhalten nicht. Beispiel September 2013: Die USA und Frankreich machen ohne Beweise Damaskus für einen Chemiewaffeneinsatz verantwortlich und drohen mit Luftangriffen nach dem Muster des Libyen-Krieges zwei Jahre zuvor. Vermutlich rettete Putin damals den Weltfrieden, als er die Vernichtung des syrischen Chemiewaffenarsenals vermittelte.

Beispiel Türkei: Nach dem 24. November 2015 gab es eine kurze Eiszeit zwischen Ankara und Moskau. Nun vereinbarten Putin und Erdogan eine Atempause für die syrische Provinz Idlib. Ob »unglückliche Umstände« oder bewusste Provokation angesichts dieser Andeutung von Frieden – der Vorfall vom Montag abend belegt zweierlei: Erstens ist er kein zufälliges, sondern notwendiges Resultat eines sich steigernden israelischen Staatsterrorismus. Laut AFP gab Israel Anfang September an, dass »in den vergangenen 18 Monaten rund 200 Angriffe in Syrien auf das Konto seiner Armee« gegangen seien. Bei solch illegaler Schießwut ist der nächste Zusammenstoß mit Russland programmiert. Zudem: Wer die russische Seite eine Minute vor der eigenen Attacke informiert, der will Konfrontation. Putin, der Netanjahu am diesjährigen »Tag des Sieges« in Moskau zu Gast hatte und mit ihm gemeinsam am Gedenkmarsch der »Unsichtbaren Armee« teilnahm, hat da vielleicht heute ein paar Fragen.

Zweitens: Der Vorfall macht erneut den Wahnwitz deutlich, der die Debatte um eine deutsche bewaffnete Teilnahme an Luftschlägen auf Syrien charakterisiert. Das war nie ein Bürgerkrieg, sondern ein Krieg des Westens für einen Regime-Change und für den Zerfall des einzigen säkularen Staates im Nahen Osten. Das hat Russland verhindert und dem Westen eine empfindliche Niederlage zugefügt, die von der »Wertegemeinschaft« nicht hingenommen, sondern mit permanentem Terror beantwortet wird. Deswegen mussten 15 russische Soldaten sterben.


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