Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 5 / Inland

Perfides Bonussystem

Beschäftigte der Filialkette »Lila Bäcker« verlieren Geld, wenn sie krank werden

Von Stefan Thiel
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Bei »Lila Bäcker« wird offenbar die Gesundheit der Verkäufer aufs Spiel gesetzt

Bei der Backwarenkette »Lila Bäcker« schleppen sich die Mitarbeiter auch krank zur Arbeit. Hierfür sorgt insbesondere ein extra eingeführter Geldbonus. Diesen bekommt, wer sich nicht krankmeldet. Dafür, dass dieses perfide System funktioniert, sorgt schon die mickrige Bezahlung der Verkäufer. Neun Euro in der Stunde und damit geringfügig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn gibt es pauschal für alle 2.700 Beschäftigten – unabhängig von der jeweiligen Qualifikation und Betriebszugehörigkeit. Kein Wunder also, dass die Mitarbeiter auf den »Gesundheitsbonus« angewiesen sind.

Dieser fällt um so mehr ins Gewicht, je länger die Beschäftigten durchhalten. Nach acht Monaten ohne Krankschreibung gibt es 100 Euro mehr pro Monat. Nach 14 Monaten sind es 150 Euro und nach eineinhalb Jahren gar 250 Euro, die die angeblich gesunden Verkäufer vom Unternehmen zusätzlich ausbezahlt bekommen.

»Es ist nicht anständig, Menschen, die noch dazu Hygienevorschriften einhalten müssen, dazu zu bringen, trotz Krankheit zu arbeiten«, bewertete Jörg Dahms von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) am Dienstag im Gespräch mit jW das Bonussystem der Bäckereikette.

Der Geschäftsführer der NGG-Region Mecklenburg-Vorpommern hat einen Gegenvorschlag zu bieten: »Lila Bäcker« solle das Geld für die Prämie einfach als Entgelt auszahlen. Dies sei sowohl im Interesse der Beschäftigten als auch der Kunden. Schließlich sei es für beide nicht gut, wenn Hygienevorschriften nicht eingehalten werden, so Dahms. Außerdem sei das ganze System »zu kurz gedacht«. Mitarbeiter würden so Krankheiten verschleppen und später länger ausfallen.

Die in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein vertretene Kette mit Sitz im vorpommerischen Pasewalk gehört zum Unternehmen »Unser Heimatbäcker«. Dieses ist nach eigenen Angaben mit rund 400 Niederlassungen die fünftgrößte Filialbäckerei in der BRD und betreibt neben den »Lila«-Filialen auch zahlreiche Brötchenverkäufe in den Eingangsbereichen von Supermarktketten wie etwa Rewe.

Negativ aufgefallen war der Backwarenanbieter bereits in diesem Frühjahr, als auf einen Schlag 220 Mitarbeiter entlassen wurden. Offenbar war man mit der Stellenvernichtung jedoch etwas voreilig: Mittlerweile hat »Lila Bäcker« sogar eigens ein Prämienprogramm für die Anwerbung neuer Verkäufer gestartet. Wie aus einem an die Beschäftigten gerichteten und jW vorliegenden Infoblatt hervorgeht, erhalten Mitarbeiter, die neue Kollegen rekrutieren, eine Prämie von bis zu 1.000 Euro.

Immerhin hat die Kette mit der offensichtlichen Vorliebe für Prämien und Bonussysteme seit diesem Sommer erstmals einen Betriebsrat. Allerdings gelang es der NGG nur in der Zentrale in Pasewalk sowie an einem weiteren Produktionsstandort in Dahlewitz bei Berlin, entsprechende Wahlen durchzuführen. Ausgerechnet die Beschäftigten in den Filialen verfügen aber auch weiterhin über keine Interessenvertretung, da sie bei einer ausgegliederten Tochtergesellschaft angestellt sind. Doch das soll sich ändern: Nach Angaben von Dahms soll langfristig ein Gesamtbetriebsrat gebildet werden. Darüber hinaus werde die NGG die Beschäftigten weiter organisieren und – bei entsprechendem Erfolg – das Unternehmen dann im kommenden Jahr auch zu Tarifverhandlungen auffordern, so der Gewerkschafter.


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