Aus: Ausgabe vom 18.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Kampf um die Kohle

Räumung im Hambacher Forst. Gastkommentar

Von Lorenz Gösta Beutin
Braunkohlerevier_Ham_58734240.jpg
Kerpen: Hinter dem Protestcamp wartet schon der Braunkohlebagger

Hubschrauber und behelmte Hundertschaften, berittene Polizei, SEK in Klettermontur, Warnschüsse im Wald. Wenn der Staat förmlich auf die Bäume geht, wird auch dem letzten beim »Tagesschau«-Gucken klar: Hier geht es wirklich um etwas Großes! Der Konflikt im rheinischen Hambacher Forst, wo Klimaaktivisten einen der ältesten Wälder Europas gegen die Abholzung durch den Energieriesen RWE verteidigen, dieser Kampf von David gegen Goliath, legt die Verquickung von Staat und Kohlekonzernen auf ganz großer Bühne offen. In NRW macht sich die »schwarz-gelbe« Landesregierung mit ihrem lächerlichen Räumungsbefehl der Baumhäuser wegen Brandschutzauflagen nicht nur zum Helfershelfer von RWE. Die Truppe um Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zieht auch deshalb gegen die Klimaschützer zu Felde, weil sie null Verständnis davon hat, was in der breiten Gesellschaft gewollt und gedacht wird. Und zwar nicht nur von den »Ökoterroristen«, die mit Fake News über Vietnamkriegstunnel und Waffenlager durch den medialen Dreck gezogen werden sollen. Sondern auch von bürgerlichen Anwohnern, die einfach keine Lust mehr haben auf Staublungen, nächtlichen Lärm von Kohlebaggern und das Verschwinden ihrer Geburtsorte in der schwarzen Grube.

Dazu kommt: Immer mehr Menschen sehen mit eigenen Augen, dass nicht nur ihre Heimat in Gefahr ist, sondern die Welt. Ein »heißester Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen« nach dem anderen, Millionen von Klimageflüchteten, Dürreentschädigungen für heimische Bauern. Wir beginnen zu ahnen, mit welcher Wucht die Natur zurückschlägt, wie alles aus dem Gleichgewicht gerät, wenn wir unseren Wohlstand weiter durch das Verbrennen von Kohle, Gas und Erdöl erkaufen.

Hierzulande schlagen die Versicherer – der nächste Sturmherbst steht vor der Tür – Alarm wegen der Milliardenkosten des Klimawandels. In Mali oder Bangladesch aber ist er längst zur Klimakrise geworden. Sein oder Nichtsein, Klimaschutz oder Barbarei, die Erderwärmung hat im Süden brutale Folgen. Sie trifft Menschen, die schutzlos sind. Die historische Schuld des Westens ist nicht zuletzt eine ökologische. Auch gegen die globale Klimaungerechtigkeit kämpfen die Waldbesetzer an. Sie wissen, dass die Gerechtigkeitsfrage schon immer auch eine internationale Frage war. »System change, not climate change«, schallt es aus dem Wald. Diese Botschaft ist es, die den Protest im Hambacher Forst so wichtig macht. Der Kampf um diesen Wald bringt Tausende, wenn nicht Zehntausende auf die Straße, auf die Felder, in die Tagebaue. Er rüttelt auf. Die Mächtigen haben Angst. Das Endspiel um die Kohle hat begonnen.

Lorenz Gösta Beutin ist energie- und klimapolitischer Sprecher der Partei Die Linke im Bundestag


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Harald Möller: Alternative Energien besser? Aber sind alternative Energien soviel besser als Braunkohle, Steinkohle, Erdöl und Erdgas? Wasserkrafterzeugung lässt jahrhundertalte Dörfer verschwinden, Sonnen- und Windenergie können nur dann genut...

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten