Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 6 / Ausland

Ersehnter Frieden

Nach 20 Jahren legen Eritrea und Äthiopien Konflikt bei

Von Gerrit Hoekman
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Feierliche Zeremonie: Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed Ali (l.) und Eritreas Präsident Isayas Afewerki schließen am Sonntag in Dschidda Frieden

Es ist vollbracht: Am Sonntag haben die lange verfeindeten ostafrikanischen Nachbarstaaten Eritrea und Äthiopien den ersehnten Friedensvertrag unterschrieben. Das berichtete der katarische TV-Sender Al-Dschasira. 20 Jahre waren die beiden Länder in einen Konflikt über den Verlauf der gemeinsamen Grenze verwickelt, erst im Juli hatten die Regierungen wieder diplomatischen Beziehungen aufgenommen.

Die Unterzeichnung fand im saudiarabischen Dschidda statt. An der Zeremonie nahmen auch UN-Generalsekretär António Guterres, der saudische König Salman und dessen designierter Nachfolger Kronprinz Mohammed teil. »Ein Wind der Hoffnung weht am Horn von Afrika«, sagte Guterres nach der Unterzeichnung gegenüber der Presse.

Anlässlich des äthiopischen Neujahrsfests am Dienstag vor einer Woche hatten der äthiopische Premierminister Abiy Ahmed Ali und Eritreas Präsident Isayas Afewerki zwei Grenzübergänge geöffnet. Die militärischen Einheiten auf beiden Seiten der Grenze würden in die Kasernen zurückkehren, »um die angespannte Atmosphäre zu entkrampfen«, zitierte der Sender Fana Broadcasting Corporation aus Addis Abeba Premier Ahmed.

Die beiden Staaten nähern sich schnell aneinander an. Im Juli waren diplomatische Beziehungen aufgenommen worden, zugleich wurde eine Flugverbindung zwischen Addis Abeba und Asmara eingerichtet und der Handel wiederbelebt.

Taktgeber dieser Entwicklung ist Abiy Ahmed, der erst seit April im Amt ist. Im Juni hatte der Regierungschef überraschend den Gebietsanspruch Eritreas anerkannt. Ahmed stellte in Aussicht, die umstrittenen Landstriche an Eritrea zurückzugeben, wie es ein Friedensvorschlag der UN fordert. Das betrifft auch die Stadt Badme, in der 1998 die ersten Schüsse gefallen waren. Nach zwei Jahren endete der Krieg mit einem von der UN vermittelten Waffenstillstand. Der Konflikt blieb aber ungelöst, die Lage an der Grenze war weiterhin fragil.

Abiy Ahmed bringt auch innenpolitisch einiges in Bewegung. Kurz nach seiner Amtseinführung hatte er zum Beispiel den Ausnahmezustand aufgehoben. Und in der vergangenen Woche holte er die Führer der Oromo-Befreiungsfront zurück ins Land. Die meisten von ihnen hatten mehr als 20 Jahre im Exil verbracht. Sie wurden von Zehntausenden Menschen in Addis Abeba frenetisch begrüßt. Abiy Ahmed ist der erste Oromo, der das Land als Premier regiert, obwohl die Ethnie mit einem Drittel der Bevölkerung die größte in Äthiopien ist.

Die Rückkehr der Kämpfer animierte offenbar ihre Anhänger zu einem Blutbad in dem überwiegend von Oromo bewohnten Buraya-Distrikt am Rande der Hauptstadt. Ein aus Jugendlichen bestehender Mob sei am Samstag durch das Viertel gezogen, berichtete ein Händler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Sie hätten Geschäfte geplündert und seien in die Wohnhäuser anderer dort lebender ethnischer Minderheiten eingedrungen. »Verlasst unser Land!« skandierten die marodierenden Horden. »In der Nacht lagen mehrere Leichen auf den Straßen«, schildert der Händler das Massaker.

Mindestens 23 Menschen wurden bei dem Pogrom getötet, so die Polizei. Sie habe rund 200 Personen festgenommen. »Premierminister Abiy Ahmed verurteilt die Morde und die Gewalt gegen unschuldige Zivilisten aufs Schärfste«, teilte sein Sprecher im Internet mit.

»Es ist sehr beunruhigend, und ich hoffe, die Regierung wird hart auf diese Situation reagieren und die Verantwortlichen der Gerechtigkeit zuführen«, sagte Awol Allo, Juradozent an der britischen Keele University in Staffordshire am Montag gegenüber Al-Dschasira. »Was diese sinnlose Gewalt noch schändlicher macht, ist die Tatsache, dass sie in einer Zeit passiert, in der es einen bemerkenswerten Grad an demokratischer Öffnung gibt.«


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