Aus: Ausgabe vom 17.09.2018, Seite 4 / Inland

Stuttgarter bekennen Farbe

Protest gegen reaktionäre »Demo für alle« gewinnt nach Chemnitz Zulauf

Von Tilman Baur
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Kundgebung für Vielfalt in Stuttgart am Freitag nachmittag

Es war ein kümmerliches Bild, das die 80 Teilnehmer der Kundgebung der Organisation »Demo für alle« am Freitag nachmittag auf dem Stuttgarter Markt abgaben. Kurz vorher hatte sie der »Bus der Meinungsfreiheit« auf den Platz gebracht, mit dem die konservative Bewegung derzeit auf einer Städtetour unterwegs ist (siehe jW vom 15./16.9.). Nun standen sie da, hielten Banner und Transparente hoch. »Stoppt übergriffigen Sex-Unterricht! Schützt unsere Kinder!« so eine Forderung. Ihre Ansprachen waren kaum zu vernehmen: Hunderte Gegendemonstranten hatten sich rings um das mit Metallgittern und Polizisten in Kampfmontur abgesicherte Gelände postiert, um dem homophoben Gerede lautstark entgegenzutreten.

Die rechte Bewegung »Demo für alle« gibt es seit 2014. Sie kämpft gegen Inhalte des baden-württembergischen Bildungsplans, der vorsieht, Schülerinnen und Schüler über verschiedene Formen der Sexualität aufzuklären. Die Konservativen sehen darin einen Angriff auf das traditionelle Familienmodell, Sexualpädagogik in der Schule sei ein »Tummelplatz anrüchiger Ideologien«, so die Kritik.

Nachdem die »Demo für alle« in den Jahren nach ihrer Gründung teils Tausende Menschen zu Kundgebungen in Stuttgart mobilisieren konnte, ist es zuletzt ruhig um sie geworden. Trotzdem hat sie am Freitag unfreiwillig so viele Demonstranten in der Landeshauptstadt auf die Straße gebracht wie seit Monaten nicht. Auf dem gegenüberliegenden Karlsplatz versammelten sich zeitgleich 1.200 Menschen, um ein Zeichen gegen rechts zu setzen. Nach den Ereignissen in Chemnitz wuchs die Beteiligung an der ursprünglich als kleine Gegenkundgebung geplanten Veranstaltung an, ein breites Bündnis gegen Rassismus und Sexismus formierte sich. Immer mehr Initiativen, Parteien und Gewerkschaften schlossen sich an, mehr als 30 waren es am Ende insgesamt.

Überraschend deutliche Worte fand Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Auf die von der AfD unterstützte »Demo für alle« gemünzt, sagte er: »In einer modernen, internationalen Großstadt will ich mir nicht von irgendwelchen Typen mit Hundekrawatte sagen lassen, wie ich zu denken, zu fühlen und zu lieben habe.« Stuttgart sei eine bunte Stadt, unterschiedliche Lebensstile und Sexualpraktiken gehörten dazu. »Wir fühlen uns durch Vielfalt nicht bedroht, sondern ermutigt«, sagte Kuhn.

Seine untypische, teils derbe Wortwahl könnte man als Vorgeschmack auf den Wahlkampf vor den Abstimmungen zu den Kommunalparlamenten werten, die im kommenden Frühjahr anstehen. Der Applaus für Kuhn hatte aber andere Gründe. Das Treiben der »Demo für alle«, die starke AfD-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg und der Rechtsruck im Bund bedrohen das Selbstverständnis vieler Stuttgarter als Teil einer weltoffenen, liberalen und internationalen Kommune. Und das gilt längst nicht nur für hochqualifizierte Fachkräfte, die bei Bosch und Daimler arbeiten, sondern für die breite Bevölkerung: 42 Prozent der Einwohner Stuttgarts haben mittlerweile Migrationshintergrund.

Trotzdem gärt es in der Stadt, die soziale Schieflage ist sichtbarer als früher. Zeitweise wurde München als Stadt mit den höchsten Mietpreisen abgelöst, der Wohnraummangel spitzt sich auch im Ländle immer weiter zu. Dementsprechend wächst die Häufigkeit der Proteste, die derzeit ihren Höchststand seit den Massenkundgebungen gegen das Bahn-Projekt »Stuttgart 21« im Spätsommer 2010 erreicht haben dürfte – ein Ende ist einstweilen nicht in Sicht.


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