• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Die Unzufriedenheit wurde lange unterdrückt«

Gespräch mit Moritz Schularick. Über Ungleichheit in den USA, Rassismus und die Folgen der Finanzkrise

Interview: Simon Zeise
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So viel wie ein Gebrauchtwagen: Schwarze Familien in den Vereinigten Staaten verfügen über weniger als ein Zehntel des Vermögens weißer Haushalte

Sie haben die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit in den Vereinigten Staaten von 1949 bis 2016 untersucht. Wie ist es der US-Bevölkerung ergangen?

Man muss zwei Phasen unterscheiden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er Jahre haben sich die Einkommen sehr gut entwickelt, und zwar für alle Bevölkerungsgruppen. Seither sind die Einkommensgewinne in den oberen zehn bis 30 Prozent der Einkommensverteilung hängen geblieben. Die Einkommen des Median, also der Leute in der Mitte der Verteilung, aber auch derer im unteren Bereich, stagnieren.

Auf welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen führen Sie diese Entwicklung zurück?

Das ist eine komplexe Frage. Sicherlich ist ein wirtschaftspolitischer Regimewandel mit dem Neoliberalismus verbunden, der Umverteilung eher für problematisch als für sinnvoll gehalten hat. Das sozialdemokratische Zeitalter endete. Die Regierungen entfernten sich von dem stark wohlfahrtsstaatlich orientierten, auf öffentliche Dienstleistungen und staatliche Organisationen ausgerichteten Gesellschaftsmodell. Sie zielten auf eine stärker individualistische und wettbewerblich geprägte Ordnung. Die Auflösung der Industriestrukturen, der Rückgang der gewerkschaftlichen Organisationsgrade, institutionelle Faktoren, Globalisierung und technischer Wandel spielen auch eine Rolle.

Inwieweit hat sich die Veränderung der Arbeitswelt auf die Einkommen ausgewirkt?

Es wurde viel Produktion ausgelagert. In vielen Bereichen auf dem Arbeitsmarkt hat sich große Konkurrenz entwickelt. Die Qualifikationen, die ein Arbeiter oder ein Angestellter in der unteren Mittelschicht hat, sind weltweit sehr stark vertreten. Es gibt viele, die diese Tätigkeiten ausüben können, und dementsprechend groß ist dort der Konkurrenzdruck. Der wirkt sich auf die Preise und letztlich auf die Löhne aus. Dabei gibt es enorme Unterschiede zwischen den Ländern. In den USA geht man davon aus, dass der Wettbewerb mit China in den vergangenen zwanzig Jahren relativ viel zur Einkommensspreizung beigetragen hat.

Kritisch gegenüber der eigenen Disziplin wäre anzumerken: Viele Ökonomen machen es sich oft sehr leicht. Sie sind schnell dabei zu erklären, der Umschwung habe mit dem technologischen Wandel und der Globalisierung begonnen. Es seien Prozesse, die man nicht aufhalten könne. Das erklärt aber nichts. Die Deutschen und die Franzosen können auch Computer benutzen, aber die Einkommensungleichheit ist bei ihnen längst nicht so stark angestiegen wie in den USA.

Aus gegebenem Anlass: Am 15. September vor zehn Jahren musste die US-Großbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden. Die Finanzkrise brach aus. Welche Auswirkungen hatten diese Ereignisse auf die lohnabhängige Bevölkerung?

In den USA sehr große. Das Vermögen der Haushalte, die in etwa das mittlere Einkommen beziehen oder ein wenig darunter liegen, steckt fast ausschließlich in selbstgenutztem Wohneigentum. In Deutschland ist das anders. Die Wohneigentumsquote ist geringer. Wenn man sich anschaut, was ein typischer Mittelschichthaushalt in den USA auf der hohen Kante hat, dann ist es vor allem das Haus beziehungsweise der Anteil an dem Haus, der noch bleibt, wenn man die Schulden abzieht. Er verfügt über wenig Sparguthaben, Aktien oder Lebensversicherungen. Dadurch, dass in der Krise die Immobilienpreise so stark eingebrochen sind und die Mittelschicht tendenziell im Verhältnis zu dem Wert der Häuser hoch verschuldet ist, hat sich das Vermögen der Mittelschicht stark verringert. Zwar ist es wieder ein wenig gestiegen, es hat aber lange nicht das Niveau erreicht, auf dem es vor Ausbruch der Krise lag.

Hat auch der reiche Teil der US-Bevölkerung in der Finanzkrise Vermögen verloren?

Nein, im Gegenteil. Die Oberschicht hat, oder sagen wir, die oberen zehn Prozent haben am stärksten davon profitiert, dass die Aktienpreise, teilweise auch wegen der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken, sich erholt haben und in stratosphärische Höhen gestiegen sind. Deren Vermögen hat sich im Verlauf der Krise sehr gut entwickelt. Zusammengenommen haben diese beiden Faktoren in einem Jahrzehnt letztlich den größten Anstieg der Vermögensungleichheit in den Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst.

Welche Auswirkungen hat die ungleiche Entwicklung für die US-Gesellschaft?

In unserer Studie haben wir herausgearbeitet, dass diese beiden entgegengesetzten Trends – auf der einen Seite die deutliche Zunahme der Einkommensungleichheit, wenn man auf Löhne und Gehälter guckt, aber andererseits die Stabilität, wenn man die Vermögen betrachtet – lange Zeit als Schlafmittel gewirkt haben für die ganze Ungleichheitsdebatte.

Einfach gesagt: Der Mittelschicht ging es schlecht, sie hatte real keine Lohnsteigerungen. Aber die Vermögen sind bis zur Krise stark gewachsen, vor allem weil der Immobilienmarkt sich so gut entwickelt hat. Das heißt, die Arbeiter und Angestellten haben auf ihr Girokonto geguckt und gesehen, da kommt nicht mehr rein als vor fünf Jahren. Wenn sie aber auf ihr Vermögen und ihr hypothetisches Sparbuch geguckt haben, waren sie viel reicher. Wir behaupten, dies war der Mechanismus, der die Unzufriedenheit lange Zeit unterdrückt hat, die dann erst mit dem Ausbruch der Krise offen zutage trat.

Im Verlauf der Krise haben sich Wirtschaftswissenschaftler vermehrt der Ungleichheitsforschung gewidmet. Der französische Ökonom Thomas Piketty etwa hat 2014 mit seiner Schrift »Das Kapital im 21. Jahrhundert« eine Langzeitstudie vorgelegt. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewinnen können?

Piketty und andere haben lange über Vermögensverteilung geforscht. Unsere Erhebung beruht auf einem neuen, bisher nicht genutzten Datenset, das eine Art eierlegende Wollmilchsau ist. Bisher konnten wir in der Ungleichheitsforschung entweder die Einkommen oder die Vermögen betrachten. Es gab keine Datenbasis, mit der man beides beobachten konnte. Das konnten wir zum ersten Mal. Sie können sich die Einkommenssteuer anschauen, dann bekommen Sie die Verteilung der Einkommen raus. Aber Sie wissen noch nichts über das Vermögen. Es kann sein, dass Leute ohne Einkommen furchtbar reich sind, die nicht mehr arbeiten, sondern nur von Kapitaleinkünften leben. Auf der anderen Seite können Sie aus den Vermögenssteuerdaten die Verteilung herausrechnen. Und dennoch wissen Sie nicht, ob es sich dabei um alte Vermögen handelt, die vererbt wurden. Die Datenbasis, über die wir verfügten, nennt sich Survey of Consumer Finances, eine Haushaltsumfrage, die von der US-Notenbank und anderen Organisation durchgeführt wird. Darin existierten historische Erhebungen, die zuvor noch niemand ausgewertet hatte.

In den USA nimmt der Rassismus unter der Präsidentschaft Trumps stark zu. Hängt die Höhe des Einkommens in den USA auch von der Hautfarbe ab?

Ja, das war der deprimierendste Teil der ganzen Arbeit. In der Umfrage, die wir ausgewertet haben, wurde auch gefragt, ob der Haushaltsvorstand schwarz oder weiß ist. So viele gemischte Ehen gibt es in den USA dann doch nicht. Das heißt, wir konnten uns anschauen, wie sich das Vermögen von schwarzen und weißen Haushalten im Verlauf von 70 Jahren entwickelt hat. Sowohl vor als auch nach der Zeit der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren, die ja in vielen Bereichen in weiten Teilen der USA Gleichberechtigung gebracht hat, in den Schulen, in den Universitäten, usw. gibt es keine signifikante Steigerung der Vermögen schwarzer Haushalte. Das Frustrierende ist, dass die Bürgerrechtsbewegung in den Daten eigentlich nicht existiert. Die Unterschiede zwischen den Einkommen und Vermögen von schwarzen und weißen Haushalten sind heute so groß, wie sie vor der Bürgerrechtsbewegung waren. Der durchschnittliche schwarze Haushalt, der Median, hat heute ein Nettovermögen von 15.000 Dollar. Das ist der Wert eines Autos. Wenn Sie wissen wollen, wie es der Mehrheit der schwarzen US-Amerikaner geht: Der Wert des Vermögens entspricht ungefähr dem eines Gebrauchtwagens. Weniger als ein Zehntel von dem, was weiße Durchschnittsfamilien besitzen, können schwarze ihr eigen nennen. Daran hat sich seit 70 Jahren nichts geändert. Bei den Einkommen sind die Unterschiede nicht ganz so groß. Schwarze Haushalte verdienen die Hälfte von weißen. Hier blieb die Differenz im Verlauf unglaublich stabil. Was auch immer die Mechanismen sind, die zu dieser persistenten Diskriminierung am Arbeitsmarkt und zu den Vermögensunterschieden führen, sie sind seit 70 Jahren nicht verändert worden.

Auch nicht unter dem ersten schwarzen Präsidenten Barack Obama?

In der Zeit ganz bestimmt nicht. Eher im Gegenteil. Die Obama-Präsidentschaft fällt ja genau in die Periode, in der sich die Vermögen so weit auseinanderentwickelten, weil der Aktienmarkt florierte – die Unternehmen gehören in erster Linie den Weißen. Wenn die Schwarzen ein bisschen Vermögen hatten, dann steckte es auch im Haus. Und dort, wo die meisten Schwarzen wohnten, stiegen die Häuserpreise nicht sonderlich. Es gab Phasen, etwa unter Lyndon B. Johnson, Ende der 60er Jahre, als sich die Einkommen ein wenig anglichen. Aber das waren nur ganz kurze Phänomene, und dann war es wieder vorbei. In den vergangenen 70 Jahren hat sich zu keiner Zeit strukturell irgend etwas geändert.

Auch in Deutschland nimmt die Ungleichheit zu. Die Bundesregierung erklärt stets aufs neue, sie sei nicht in der Lage dazu, Reichtum zu erfassen. Die damalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, SPD, hatte dies im vergangenen Jahr bei der Präsentation des Armuts- und Reichtumsberichts von sich gegeben. Ihnen ist es gelungen. Sollte die Bundesregierung bei Ihnen um Rat bitten?

In Deutschland gibt es ein anderes Problem: Seit der Abschaffung der Vermögenssteuer existieren keine anständigen Daten über Vermögen mehr. Insofern wissen wir weitaus weniger als im Fall der USA, wie sich die Vermögensverteilung entwickelt hat. Es deutet einiges darauf hin, dass die Spreizung nicht ganz so groß ist wie in den USA, dass sie aber auch zugenommen hat. Löhne und Gehälter kann man in Deutschland erfassen, weil es die Einkommenssteuer gibt. Aber dieser doppelte Strukturbruch durch die Wiedervereinigung 1990 und die Abschaffung der Vermögenssteuer Mitte der 90er machte es schwer. Wir arbeiten an einer Studie zur langfristigen Entwicklung der Vermögensungleichheit in Deutschland. Es sieht ein bisschen so aus, als wäre diese in den vergangenen ein bis zwei Jahrzehnten etwas gestiegen. Man muss aber sagen, dass sie noch weit unter den Niveaus liegt, die wir in der Vergangenheit schon einmal hatten. Vergangenheit heißt aber vor wirklich langer Zeit, im 19. Jahrhundert.

Als Forscher plädieren Sie also für eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer?

Das ist eine andere Frage. Ich glaube, es gibt ein paar einfache Dinge, die unverständlich sind und bei denen in erster Linie Lobbytätigkeit das Verhalten der großen Koalition erklärt. Die Regierung hat sehr großzügige Befreiungen für Erben von Familienunternehmen durchgesetzt, indem ihnen die Erbschaftssteuer mehr oder weniger erlassen wurde. Aber die mit Abstand gerechteste Steuer in jedem Wirtschaftsmodell ist die Erbschaftssteuer, weil vererbtes Vermögen einfach aus der Geburtslotterie kommt. Es ist ein großer Fehler, dass so großzügig Unternehmervermögen ausgenommen wird. Dass Unternehmer ihre Fabriken verkaufen müssten, wenn sie nicht von der Erbschaftssteuer befreit werden, ist ein Scheinargument. Das ist sicherlich ein Punkt, bei dem man aus ökonomischer Sicht ohne lange zu zögern nachbessern könnte und müsste. Die Vermögenssteuer ist diskussionswürdig, aber das Bundesverfassungsgericht hat einige Hürden gelegt. Vor allem muss gewährleistet werden, dass alle Vermögenstypen gleich behandelt werden. Unterm Strich bleibt, dass die Vermögensverteilung in Deutschland im internationalen Vergleich als besonders ungleich hervorsticht. Es sieht zwar relativ gut aus bei den Einkommen – vor allem durch die sozialstaatliche Umverteilung und die Transfermechanismen. Beim Vermögen ist es aber sehr stark polarisiert, und wir gehören zu den Industrieländern mit der höchsten Vermögensungleichheit.

US-Präsident Donald Trump hatte im Wahlkampf geworben, er wolle die Lage der Arbeiterklasse verbessern, mehr Industrie und Jobs schaffen. Nehmen Sie in Washington Entwicklungen wahr, die der Vermögensungleichheit entgegenwirken?

Nein, im Gegenteil. Die Steuerreform von Trump geht gerade in die andere Richtung. Sie ist langfristig gut für die Reichen, deren Vermögen vor allem aus Firmenbeteiligungen oder Unternehmervermögen besteht, und tendenziell schlecht für Vermögen, die von Immobilien oder dem Sparbuch abhängig sind. Die positiven Wertentwicklungen, gerade bei den Immobilien in den USA, haben den Anstieg der Vermögensungleichheit lange Zeit gedämpft. Die Mittelschicht verfügte über viele Immobilien, und als deren Preise stiegen, ging es ihr relativ gut. Aber wenn wir nicht noch mal einen globalen 30jährigen Immobilienboom erleben, dann werden die Unterschiede in der Einkommensverteilung auch wieder sehr viel stärker auf die Vermögensverteilung durchschlagen. Das dicke Ende kommt noch.

Moritz Schularick ist Professor für Ökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn

Studie »Income and ­wealth inequality in America, 1949–2016«: kurzlink.de/Schularick


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