Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Gay, gay, gay!

Kalkulierter Mainstream: Troye Sivan ist der neue schwule Megastar für den internationalen Markt

Von Maximilian Schäffer
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»Welcome to the Age of the Twink«: Das adoleszente Size-Zero-Sternchen Troye Sivan

Das mit den Kinderstars läuft heute angeblich ganz anders ab als früher: Während Michael Jackson noch zum Erfolg geprügelt wurde und die Olsen-Zwillinge schon als Säuglinge im Kinderwagen vor der Kamera brabbeln mussten, gibt es heute Youtube. Dort existieren scheinbar kein Zwang und keine Agenturen – die Kinder lassen es einfach sprudeln. Von Hellersdorf bis Ho-Chi-Minh-Stadt versucht sich also jeder mitteilungsbedürftige Teenager am eigenen Inszenierungsformat, neu­universalsprachlich »Vlog« genannt. Die Welt der pubertären Egokanäle ist eine ganz eigene, Generationen vor Baujahr 1995 so gut wie unzugängliche. Es gibt dort Multimillionäre, die in Vollzeit simultan Vorgänge in Videospielen kommentieren (genannt »Let’s Play«) und wohlbehütete Kids, die sich nach dem Vorbild ihrer Stars zu ebensolchen erfolgreich stilisieren. Ein Transvestit dieser Art ist, respektive war Troye Sivan (23) aus Australien.

Klassische Mühlen der Talentfindung durchlief der Sohn eines Immobilienmaklers und einer Hausfrau aus Perth bereits mit elf Jahren, als er mit knabenhafter Engelsstimme wiederholt bei Wettbewerben im Fernsehen auftrat. 2007 veröffentlichte er das erste Album mit klebrigsten Coverversionen für rührselige Großmütter und bewundernde Altersgenossen. Ab 2009 spielte er in einem Film der X-Men-Reihe mit sowie die Hauptrolle in einer Trilogie südafrikanischer Jugendfilme. Bekannt und berühmt wurde der schmächtige Teenager aber durch sein selbstdarstellerisches Videotagebuch im Internet: Troye Sivan imitiert Dialekte, Troye Sivan plaudert über Instagram, Troye Sivan wird von der besten Freundin enthaart. Gicker-gacker. Harmlose Themen für Teenager, die der Lebenswelt des damals schon fast Volljährigen kaum noch entsprochen haben dürften. Sivan aber ist das natürliche Talent zu eigen, seine Zielgruppe genau im Griff zu haben. Sogar ein Charity-Video mit krebskranken Kindern musste zur Polsterung des Images angefertigt werden.

Queere Oberliga

Handzahm genug inszenierte er sich zunächst für junge Mädchen zum Anhimmeln, bis zu dem Zeitpunkt, da die mitgewachsene Fangemeinde geschlechtsreif genug wurde, um sich nicht mehr von Androgynie hinters Licht führen zu lassen. Im Alter von 18 Jahren verkündete er auf Youtube, was bereits alle wussten: »Ich bin schwul, und das ist auch gut so!« Bei damals um die zwei und mittlerweile sechseinhalb Millionen Followern sind solche Bekenntnisse selbstredend äußerst werbewirksam. Knapp zwei Jahre später ging es für das australische Internetsternchen dann ans Eingemachte: Der Plattenvertrag beim Major-Label Universal winkte und schon bald erschien das Album namens »Blue Neighbourhood«. Man versuchte es mit der Marke »ganz normaler Teenager«, mit passenden Textzeilen wie »my youth is yours« und tastete sich erst einmal vorsichtig an das Thema Homosexualität heran. Weil man schnell merkte, wer die Platten kauft und warum besonders die Musikvideos mit knutschenden Jungs einschlugen wie Bombe, zog man bald die entsprechenden Register. Seitdem inszeniert sich Sivan als superselbstbewusster Queer-Artist im Geiste der Talkmasterin Ellen DeGeneres (60), die in den USA jedermanns linksliberal-lesbischer Liebling ist. In deren werktäglicher Nachmittagsshow durfte er schon zweimal singen und wurde, die queere Welt verbrüdert* sich, als ganz besonderer Liebling bezeichnet.

Charity, Empowerment, Role-Model heißen die passenden uramerikanischen Schlagwörter. Vor zwei Wochen erschien nun Troye Sivans zweite Langspielplatte mit dem Titel »Bloom«. Zehn Songs, die nicht mehr auf die Halbnische der sehr jungen Mädchen und sehr schwulen Jungs abzielen, sondern alle Fanfaren des auf voller Bandbreite marktrelevaten Mainstreams blasen. Dazu wurden Videos gedreht, denen man ansieht, dass die Musikindustrie alle Karten auf den jungen Mann aus Down Under setzt. Der Clip zum gleichnamigen Titeltrack wartet mit knallbunter 80er-Jahre-Ästhetik auf. Kiloweise Blumen, Dutzende Kostüme, wechselnde Make-ups, die laszive Pflanzenästhetik von Robert Mapplethorpe trifft den Pop-Appeal von Madonna. Auf Lied acht, »Dance To This« wird mit anderen Jugendstars duettiert: Ariana Grande tanzt und singt elegant dazu, das Video ist hervorragend durchchoreographiert. Dass Sivan mittlerweile wohl von einem ganzen Personenstab auf Perfektion gecoacht wird, verraten auch die Live-Auftritte. 2015: Die Gestik noch etwas unbeholfen, schüchtern, aber in ihrer Durchschnittlichkeit wenigstens authentisch. 2018: Perfekt modelliert, jegliche Menschlichkeit durch »Star« ersetzt. Jeder Tanzschritt sitzt dynamisch, jede Ballade wirkt so sehnsüchtig wie direkt aus »La La Land« entnommen. Fernsehpräsenz adelt: Saturday Night Live, The Today Show, The Tonight Show – amerikanische Oberliga.

Anorektische Chippendales

Sivans Musik ist durchschnittlicher Pop, wie er heute nicht durchschnittlicher sein könnte. R-’n’-B-Versatzstücke mit diffusen Synthesizer-Pads und einem Musicalgesangsunterrichsstimmchen in übersteuerter Produktion für Bluetooth-Lautsprecher. Textlich wagt man sich an ureigenste Themen der Schwulen-Community heran. In »Bloom« geht es blümerant um Schmerzerfahrung beim rezeptiven Analverkehr: »I need you to / Tell me right before it goes down / Promise me you’ll / Hold my hand if I get scared now / Might tell you to / Take a second, baby, slow it down«. In den USA reichen solche Illusionen, damit sich die Feuilletons überschlagen. Bei derartigem Selbstbewusstsein eines dünnen, jungen, effeminierten Schwulen ruft die New York Times freudig »Welcome to the Age of the Twink«! Dass Size Zero auch in der Männermode schon seit mindestens 15 Jahren, spätestens nach Designerikone Hedi Slimane, das fragwürdige Schönheitsideal ist, scheint überhaupt kein Problem zu sein. Adoleszente, anorektische Knaben mit möglichst kantiger Physio­gnomie sind aber genauso eine Spielart der Männlichkeitsüberhöhung wie die Chippendales. Längst ist man als kräftiger, gar molliger, platter oder rundlicher Schwuler viel weiter auf dem Abstellgleis der Ungefickten als der schmächtige Hänfling. Viele Schwulenikonen waren zaundünn: Freddie Mercury, Klaus Nomi, David Bowie. Sivans Gerippe in Tüll und Seide hat nichts mit Andersartigkeit zu tun. Es ist kalkulierter Mainstream, gefällig aktuelle Ästhetik reproduzierend, die in der schwulen Kultur schon immer angesagt war und an deren inneren wie äußeren Ressentiments überhaupt nicht rüttelt.

Es sind Figuren wie Rob Halford von Judas Priest, Marc Almond von Soft Cell, Morrissey oder Rio Reiser, die künstlerisch und popkulturell Ausrufezeichen für die Akzeptanz von homosexuellen Männern gesetzt haben, weil sie ihr Liebesleben entweder provokant, poetisch oder überhaupt nicht thematisierten. Sivan singt stumpf »Gay, gay, gay« und beansprucht damit schon, das kämpferische Sprachrohr der Bewegung zu sein. Zumindest für die Schwulen selbst ist Sivan eine Chimäre, für den Rest nicht mehr als ein Musterknabe der Industrie. Möge man ihm wünschen, dass ihm nicht doch das klassische Schicksal der Kinderstars blüht. Wenn die Beziehungen zu den Models beendet sind, die Jugend vorbei ist und die Plattenfirma loslässt, bleiben ihm schließlich nur noch die Schwulen. Und die sind neidisch. Madonna, Beyoncé und Lady Gaga haben ihnen nie die Männer weggenommen.

Troye Sivan: »Bloom« (EMI/Universal Music)

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