Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Verwaltung der Ausgegrenzten

Die Drogenhilfe rettet Süchtigen das Leben, aber kann auch ihre Lage verfestigen. Aus einem Workshop der »Ferienuni Kritische Psychologie«

Von Milan Nowak
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Sichere Räume können Konsumenten illegalisierter Betäubungsmittel vor Überdosierung und Infektionen schützen: In einer Drogenhilfeeinrichtung in Frankfurt am Main

Im Jahre 2015 sind etwa die Hälfte der rund 153.000 Heroinabhängigen in Deutschland mit Ersatzstoffen versorgt worden. Dies geht aus dem letzten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung hervor. Die Ersatzstoffe werden in Hilfsprogrammen ausgegeben und sollen schrittweise einen Ausstieg aus der Sucht ermöglichen. Um solche Programme ging es am Dienstag nachmittag in einem Workshop der »Ferienuni Kritische Psychologie«, welche diese Woche an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin von Studenten und Psychologen veranstaltet wird. Der Referent, der namentlich nicht genannt werden möchte, hatte an einer Drogenhilfestation in Hessen erforscht, warum Suchthilfe oft den sozialen Ausschluss verfestigt. Sie sollte ja eigentlich bei der Reintegration helfen. Die Erfolgsquote der sogenannten akzeptierenden Drogenhilfe liege nur bei 25 Prozent, während die meisten in den Einrichtungen blieben oder »Drehtürpatienten« seien.

Die akzeptierende Drogenhilfe ist in den 1980er Jahren entstanden, als HIV-Infektionen durch intravenösen Heroinkonsum anstiegen. Um einen Schutzraum für hygienischen Konsum zu schaffen – aber auch, um Süchtige aus dem Stadtbild zu entfernen – wurden Hilfsstationen eingerichtet. Hier wird nicht nur der Konsum illegaler Substanzen akzeptiert und Überlebenshilfe bei einer Überdosisierung geleistet, sondern auch mittels Ersatzstoffen eine niedrigschwellige Möglichkeit zum Drogenausstieg angeboten.

Dadurch werden zwar die Konsumbedingungen verbessert, aber der Gebrauch selbst bleibt stigmatisiert, zum Beispiel durch Ettiketierung der Adressaten als »Schwerstabhängige«. Der Referent sprach von »exkludierender Toleranz«, weil die Drogenhilfe die Kriminalisierung der Drogen anerkenne und die Prekarisierten eher verwalte. Ferner bedeute die Akzeptanz des Konsums zwar einerseits die Anerkennung der Drogensüchtigen als handelnde Subjekte, andererseits gehe die Sucht aber mit einer verringerten Handlungsfähigkeit und einem Bezugsverlust zur Realität einher. Sie sei ein Weg, gesellschaftliche Verhältnisse durch Rückzug zu ertragen und münde in Gleichgültigkeit, Resignation sowie weitere Selbstschädigung.

Dass Drogensucht mit kapitalistischer Lohnarbeit zusammenhängt, hörte der Referent auch in Interviews mit den Betroffenen. Darin äußerten sie Kritik wie »ich will nicht integriert in diese Gesellschaft sein« oder »da spiele ich nicht mit«. Dennoch hätten sie das Leistungspostulat verinnerlicht und sähen sich selbst als »gezeichnet« oder »verwelkt«. »Von nix kommt nix«, erklärte sich ein Patient seine Lage.

Die Sozialarbeiter in den Einrichtungen hätten schwere Arbeitsbedingungen, welche emotionales Abstumpfen und Distanzierung begünstigen würden. Das könne dazu führen, dass auch sie die Betroffenen ausgrenzen. Diese seien »nun mal so«, und man müsse damit umgehen. Im alltäglichen Kampf ums Überleben der Behandelten gebe es nur wenig Zeit und Raum, sich über die gesellschaftliche Dimension der Drogenhilfe auszusprechen.

Letztlich sei ohne andere Verhältnisse keine nachhaltige Suchthilfe möglich. Der Referent nannte als Ziel die Entkriminalisierung von Drogen und eine Gesellschaft, in der Menschen keine Angst vorm Anderssein haben müssten. Dazu kam die Frage auf, ob das Recht auf Konsum nicht auch starkes antiemanzipatorisches Potential berge. Der Referent wusste keine vollständige Antwort, außer dass es sich dabei um ein Spannungsfeld handele. Darüber schrieb der marxistische Psychiater Erich Wulff (1926–2010) in seinen Thesen zur Sucht von 1997: »Auch dann werden Menschen an ihrer Sucht leiden, manche an ihr auch zugrunde gehen. Aber vielleicht besteht Aussicht darauf, dass es weniger sein werden als heute, im Zeitalter der Prohibition«.


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